Die Qual der Wahl

Ich habe mir mal überlegt: wie sucht man sich einen Partner aus? Wenn man jung ist, verliebt man sich in ein Gesicht und da man gedanklich unfassbar flexibel ist, nimmt man die Macken des anderen hin oder bemerkt sie nicht und da man sich sowieso meistens nach 3-18 Monaten trennt, funktioniert das System. Oder eben nicht, denn hätte man mehr auf die Einzelheiten geachtet, wären es vielleicht sogar 3 Jahre geworden. Wer weiß. Doch wenn man Anfang 20 ist, achtet man selten auf das Potenzial der Langlebigkeit einer Beziehung. Und war es nicht wunderbar? Ich habe diese reine Verliebtheit ohne Hirn immer sehr genossen, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, die Gefühle spielten verrückt, man litt und litt und dachte man überlebt es nicht und dann war am Ende doch alles gut.

Mit Anfang 30 benutzt man meistens eher sein Gehirn als sein Herz oder zumindest geht das Gehirn schneller wieder an nachdem der Blitz eingeschlagen hat. Doch nun wird es schnell schwierig. Man muss den anderen ja mögen, lieben, begehren, aber gleichzeitig muss er ertragbare Macken haben, die eigenen mittlerweile liebevoll kultivierten Fehler ertragen können (ein sehr wichtiger Punkt), ein guter Vater werden, ein bester Freund, ein Partner in Crime, ein Lover; die Liste lässt sich beliebig weiter führen. Schwierig.

Und dann sind da die eigenen Vorstellungen von einer Beziehung, die man meist so mit 14 festlegt und die dann nur noch leicht modifiziert werden. Ob er nun mit Pony oder Porsche kommt, das ist eigentlich auch nur die Variation eines Musters. Lange tiefsinnige Gespräche am Lagerfeuer, intellektuelle Funken sprühen, die Luft flirrt vor Spannung zwischen den Partnern, so soll es doch sein. Man bereist zusammen die Welt, es ist alles wild und leidenschaftlich und hat wenig mit Alltag und schmutziger Wäsche (warum verdammt noch mal VOR dem Wäschekorb auf dem Boden?).  Die entstehende Beziehung ist also von vornherein ziemlich überfrachtet und man selber schnell ernüchtert.

Warum ich das schreibe? Weil ich in der wie ich finde sehr glücklichen Situation bin, den Vater meines Kindes nur nach Vaterqualitäten auszusuchen. Glaubt mir, das macht das Leben ziemlich viel einfacher. Zumindest in dieser Beziehung. Das sieht dann so aus:

‚Gehst du gerne aus?‘ ‚Nein.‘ Als Partner langweilig, als Papa perfekt, denn so kann ich ausgehen, wenn ich das möchte und das Kind bleibt bei ihm.

‚Ich schnarche.‘ Ok, kein Problem, ist ein Satz den ich niemals zu meinem Partner sagen würde. Wenn jemand schnarcht, kann ich nicht schlafen, gar nicht, niemals, nicht mit Ohrenstöpseln, ein absolutes K.O. Kriterium. Und hier ist es kein Problem. Herrlich.

‚Was machst du Silvester?‘ ‚Ich glaube, ich bleibe daheim und lese ein Buch.‘ Als Paar ist Streit vorprogrammiert, als Co-Eltern denke ich mir: super, Silvester ist das Kind also auch bei dir.

‚Meine Eltern sind orthodox.‘ Aaaah, Religion, ein Reizthema für mich, aber nicht in dieser Situation, denn die feiern Weihnachten am 6. Januar, das Kind ist also Heilig Abend bei mir, da gibt es schonmal keinen Zwist, im Januar dann bei ihm und seinen Eltern. So  habe ich mir nicht nur einen ‚Schwiegereltern‘ Besuch gespart, sondern alle Omas und Opas bekommen das was sie wollen. Toll! Und das verwöhnte Gör‘ hat auch noch zweimal Bescherung.

Ihr seht also, Kriterien, die einen Partner vielleicht unattraktiv machen oder eine Beziehung von Anfang an verhindern, weil man sich nach der ersten Nacht morgens um 04:00 aufgrund seiner Sägearbeiten raus schleichen musste, gelten hier einfach nicht. Man kann ein ganz anderes Maß anlegen und da keine Gefühle im Spiel sind, kann man das auch ganz entspannt tun. Natürlich muss man den anderen mögen, man wird ihn schließlich den Rest seines Lebens um sich haben, aber es ist doch wesentlich entspannter, wenn das Herz nicht mitspielen darf.

Verfasst von

35, alleinstehend, mit Kinderwunsch. Da diese Kombination so ziemlich jeden Mann verschreckt, habe ich mich entschlossen, alleine ein Kind zu bekommen. Über diese Reise werde ich schreiben.

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