Sachen machen

Ich liege im Bett. Wie jeden Tag. Stundenlang. Aber nicht zum schlafen, also auch, das sind weitere 12 Stunden, die ich im Bett verbringe und um die bin ich wirklich wirklich froh. Gerade kann mein Job im Bett aber eher als Babymatratze beschrieben werden. Und obwohl ich viel Geld für eine Bio-Kokos-gut-für-Babies-Rücken-Latexmatratze ausgegeben habe, mache ich diesen Job sehr gerne. Zu 80%. In 10% der Fälle muss ich so dringend aufs Klo, dass ich platzen könnte. Warum kann man das nicht einfach ausweinen, das wäre doch praktisch und würde auch das viele Heulen rechtfertigen. Wie befreiend auf mehreren Ebenen. Mit Baby auf dem Arm aufs Klo, das kennt jede Mama. Und ich habe ja lieber ein schlafendes Kind im Arm und winde mich schlangenmenschartig in meine Schlafanzughose zurück, als ein kreischendes im Bett, das sich so aufregt, dass es erstmal 30 min im Kreis getragen werden muss. Um 03:30. So ist sie nämlich. Schläft tief und fest und seeeehr langsam habe ich mich unter ihr rausgewunden, sie hingelegt, mit Kissen so umpolstert,als wäre da noch mein Arm, ihre Hände gehalten, beruhigend gemurmelt. Sobald ich allerdings einen Schritt zurücktrete, gehen die Augen auf und blicken mich vorwurfsvoll an: ‚Du hast mich abgelegt, das darfst du nicht!‘ Oder es geht direkt die Sirene an. Aber gut, sie ist noch klein und ich sehe ja ein, dass es für ein Höhlenbaby wenig Sinn ergibt, irgendwo hingelegt und alleine gelassen zu werden. Löwenfutter möchte ja keiner sein.

Also liege ich mit im Bett und fantasiere vom Sachen machen. Egal was. Man will ja immer das, was man gerade nicht haben kann. Das Hungerproblem habe ich gelöst, neben mir steht eine Kiste mit Studentenfutter, Dinkelwaffeln, Fruchtschnitten und seit ich den Kampf gegen die Kilos aufgenommen habe, Äpfel und Bananen statt Schokolade und Gummibärchen. Dazu Bücher, Strickzeug, mein MacBook, Kinderspielzeug, Spucktücher, Taschentücher und mindestens 2 Flaschen Wasser. Rein technisch gesehen muss ich das Bett gar nicht mehr verlassen. Umso attraktiver erscheint es einem natürlich. Was ich alles machen könnte: aufräumen, kochen, Sport, waschen und aufhängen, Das Loch über mir in der Wand wollte ich schon ewig zu spachteln. Die Fenster putzen. Den Kleiderschrank der Kleinen aufhängen. Laub im Garten zusammenfegen. Die Liste ist fast endlos. Dazu habe ich noch 8000 Projekte im Kopf. Mütze stricken-geht aber jetzt grade nicht, weil die Nadeln da hinten liegen und ich selbst mit viel strecken nicht dran komme. Bodyverlängerungen nähen, es ist wirklich ärgerlich wie kurz die nur passen. Italienisch lernen. Osterdekoration- brauche ich die? Hmmm. Kalender auf den neusten Stand bringen, Bilderrahmen kaufen, Bilder ausdrucken, Kleiderschrank ausmisten, Babysachen bei Ebay reinstellen und und und, ich könnte bis morgen weiter schreiben.

Und am Anfang ärgerte ich mich, dass ich hier so gefangen bin und nichts machen kann. Wenn der Papa da war, versuchte ich schnellstmöglich und effektiv so viel wie möglich zu erledigen. Immer erst die lebenswichtigen Dinge wie kochen und duschen. Und dann die Liste abarbeiten. Prioritäten setzen. Aber recht schnell dachte ich mir, warum eigentlich? Sind die Fenster wichtig? Der Garten? Gut, ein bisschen Wäsche und Mama waschen muss sein und ich muss essen, aber alles andere? Es kann doch auch mal was rumliegen oder der Boden nicht gestaubsaugt sein. Eine Mütze haben wir, das Erlebnistuch weiß sie jetzt noch nicht zu schätzen, warum also die Eile im Kopf? Dieser Drang etwas zu machen? Dieses Gefühl, einen Tag verschwendet zu haben, weinmann keinen Punkt auf der To Do Liste abgehakt hat? Wahrscheinlich, weil 3 Tage im Bett schon ein schlechtes Gewissen auslösen. Man die Zeit nutzen muss. Aber ganz ehrlich, welchen schöneren Nutzen kann es geben, als das eigene Baby zu genießen? Ein bisschen um sich selber kümmern, das kann man noch machen.

Und statt Fenster zu putzen bin ich baden gegangen. Weil mir das gut tut. Und mittlerweile liege ich im Bett und schaue mein Wunschkind an und denke mir:’scheiß drauf!‘ Du willst nicht ohne mich im Bett liegen? Dann musst du das auch nicht. Du magst nur in meinem Arm schlafen? Ok. Du magst jedes Mal mit aufs Klo? Gerne. Und als ich es mal geschafft habe, dich alleine im Bett liegen zu lassen, da bin ich nach 15 min wieder heimlich, still und leise unter dich zurückgekrabbelt. Weil du nur einmal so klein bist. Weil ich jede Minute genießen will. Weil du irgendwann nicht mehr auf meiner Brust schlafen möchtest. Weil man das beim ersten Kind alles so machen kann. Weil DU gerade mein Job bist. Weil man alles Lebenswichtige auch einfach mit dem Handy bestellen kann. Weil es nicht schöneres gibt, als mit einem geliebten Menschen im Bett zu chillen. Weil du nur einmal und so kurz so bedürftig bist. Weil man nicht schöner aufwachen kann als ins Gesicht geboxt zu bekommen, weil Madame jetzt sofort Hunger hat. Weil es nichts schöneres gibt, als zuzuschauen wie du träumend an meiner Brust wühlst, mit den Armen ruderst und vor dich hin lächelst. Weil schon bald du es sein wirst, der unsere rosarote Zuckerwattenwelt hier im Bett zu langweilig ist.

Die Fenster hab ich dann doch schnell geputzt, als du ein paar Minuten mit dem Mobile und dir selbst zufrieden warst. Und wenn man das Stillkissen wie eine Reling um einen herum legt und das Baby mit dem Nackenkissen an der Brust fixiert, dann hat man beide Hände frei und kann doch allerhand erledigen. Fehlt eigentlich nur noch der Katheter.

 

Verfasst von

35, alleinstehend, mit Kinderwunsch. Da diese Kombination so ziemlich jeden Mann verschreckt, habe ich mich entschlossen, alleine ein Kind zu bekommen. Über diese Reise werde ich schreiben.

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