Tochterkind

Mein Tochterkind,

Du wunderbares, wildes und willensstarkes Mädchen bist jetzt seit einem Jahr auf dieser Welt und in meinem Leben und es könnte nicht schöner mit dir sein. In ein paar Stunden hast du Geburtstag und sogar deine pragmatische Mama wird gerade ein bisschen rührselig. Wie schnell das Jahr vergangen ist und wie sehr du dich verändert hast. Nicht nur äußerlich vom zerknautschten Opa mit Glatze zu einem hübschen kleinen Mädchen (oder Jungen, je nachdem wie ich dich angezogen habe, zu einem niedlichen Menschlein eher, sogar mittlerweile mit ein paar hellbraunen Flusen auf dem Kopf), sondern auch innerlich hast du Unfassbares geleistet und bist vom glotzäugigen Säugling zu einer kleinen Person mit sehr genauen Vorstellungen von der Welt geworden. Wer dich persönlich kennt, weiß um deinen Signature Sound, diesen sehr hohen schrillen Ton, der mir nicht nur im übertragenen Sinn die Zähne schmerzen, Glas zerspringen und Opa verzweifelt das Zimmer verlassen lässt. Eins steht jetzt schon fest, mein Kind, du hast deine Stimme gefunden und weisst sie einzusetzen und ich hoffe, dass dir diese Eigenschaft für immer erhalten bleibt (vielleicht, nur ganz vielleicht könntest du es nachts nicht mehr machen? Vom Tiefschlaf zum Herzinfarkt innerhalb von einer Sekunde ist jetzt nicht ganz so mein Ding. Und auch wenn ich das Brot nicht schnell genug schmiere, reicht doch auch ein Meckern?!?) Sicher ist aber, ich werde dir deine Stimme nicht verbieten, kein ewiges sssshhhhhhh soll dich glauben lassen, dass du lieber ruhig sein solltest. Setz deine laute Stimme ein, auch wenn alle in der Bahn doof schauen, vielleicht lässt doch der ein oder andere sich von deiner Begeisterung für den grünen Türöffner anstecken oder freut sich mit dir über den niedlichen Hund. Dieses Trillern hast du schon im Krankenhaus gemacht und es dir beibehalten, mein kleiner Vogel.

Seit dein Geist erwacht ist und von deinem kleinen Körper durchs Zimmer getragen wird, staune ich jeden Tag aufs neue, wie aufregend, magisch und wunderschön deine Welt ist. Da, Mama, da, da, da!! Alles muss bestaunt und betastet werden, stundelang, jeden Tag. Unsere Tour durch den Flur, Gegensprechanlage, Tür, Lichtschalter, Sicherungskasten, Garderobe und wieder von vorne und nochmal und nochmal, ich kann sie im Schlaf gehen und let’s face it, das habe ich schon getan, wenn du mal wieder aus dem Schlaf geschossen bist, weil all diese Wunder dir keine Ruhe gelassen haben. Deine Neugier und dein Verständnis für die Welt sind so erfrischend wie ansteckend, ich liebe es, wenn wir stundelang im Garten sitzen und uns Steine und Pflanzen anschauen. Nie werde ich den Ausdruck im Gesicht der Nacktschnecke vergessen, nachdem sie zack! in deinem Mund verschwand und einmal abgelutscht wurde. Ich denke meiner war ähnlich und an deinem konnte ich ablesen, dass Schnecken nicht schmecken.

Du schlaues Mädchen, das, nachdem es sich einmal erschrocken hat, weil die Salzlampe sehr warm war, nun immer meine Hand zum Testen auf Sachen legt. Safety first. Na danke.

Du magst zwar noch nicht stehen oder laufen, für sowas hast du schließlich Personal, das dich rumschleppt, dafür nennst du mich schon Mama und erzählst den ganzen Tag in deiner Fantasiesprache, singst mit mir, sobald du ein Lied hörst und schimpfst wie eine italienische Oma.

Du schöne Prinzessin, die du am liebsten den roten Traktor magst und immer eine Kastanie im Mund hast, sehr zum Schrecken der anderen Mamas da draußen und besonders der Kinderärztin. Die denkt noch heute, ich wolle dich verhungern lassen, nur weil ich dich nicht zwinge, den Mund für einen Löffel Brei zu öffnen. Ohne Probleme isst du seit Monaten einfach bei mir mit, muffelst mit deinen zwei kleinen Zähnen alles weg, was man dir anbietet oder eben gar nichts, je nach Laune. Ich vertraue deinem Urteil und lasse dich machen, die letzten Monate haben mir gezeigt, dass du sehr genau weisst, was für dich am besten ist. Denn genau das hast du kleines Wesen mir beigebracht, mir und dir zu vertrauen. Mir, weil ich gemerkt habe, als es dir ganz am Anfang schlecht ging und richtig gehandelt habe, weil ich höre, dass du wach wirst, selbst wenn das Babyphone noch keinen Laut von sich gibt, weil ich schon morgens weiß, ob du an diesem Tag Bananen liebst oder mich anschaust als wollte ich dich damit vergiften. Und dir, weil ich sehe, wie vorsichtig du alles Unbekannte betastest und kennenlernst, wie du abwägst, wie du nicht Essbares ausspuckst und Salatblätter auswürgst, wenn sie sich partout nicht schlucken lassen. Mit ein bisschen Unterstützung gehst du deinen Weg und ich lasse dich, laufe dir nur staunend hinterher und reiche dir hier und da die Hand.

Und wenn du äußerlich auch nun wirklich nicht den allerkleinsten Fitzel von mir geerbt hast, so merke ich doch immer mehr, dass wir uns charakterlich so ähnlich sind, du genauso stur bist wie ich, auf deiner Meinung beharrst, seeeehr deutlich machst, wenn dir etwas nicht passt und jeder wirklich gleich versteht, was du gerne hättest (mir graust es vor deiner Pubertät, mein Kind, da ziehst du besser mal zu Papa). Du schläfst genauso gerne wie ich und ich kann nur immer wieder danke dafür sagen, dass du so konsequent deine 12 Stunden Ruhe hälst und nur zum trinken mal kurz meckerst. Oder eben schrill schreist. Mir ist es egal, wie anstrengend du am Tag auf andere wirkst, so lange ich nachts schlafen darf, kannst du dir tagsüber jede Allüre gönnen.

Trotzdem bist du ein so freundliches Wesen, es wundert mich nicht, dass deine ersten Worte danke und bitte sind. Schon am 3. Tag deines Lebens hast du laut gelacht und auch heute erstrahlt dein kleines Gesicht so oft am Tag. Schon morgens sehe ich dein Lächeln, wenn du mir den Fuß zum Kusse reichst (ok, einmal zu oft die Babyfüße geküsst).

Du, die du so ängstlich an mich geklammert die ersten Monate verbracht hast, krabbelst nun auf dem Spielplatz einfach los ohne dich einmal umzudrehen und mein Herz freut sich und blutet zugleich. So mutig gehst du auf andere zu und so untröstlich kehrst du zu mir zurück, wenn du mal geschubst worden bist oder andere Kinder dein Streicheln als etwas unzärtlich empfunden haben.

Auch wenn dein Beißen mich manchmal wirklich sauer macht, ich auch mal abends weggehen würde oder du auch mal Mittagsschlaf ohne mich machen oder wenigstens abends mal ein paar Stunden alleine schlafen könntest, so genieße ich doch jede Sekunde mit dir. So schnell ist das erste Jahr vergangen, alle sagen es dir, aber man muss es erleben. Die Tage mit Baby sind soooo lang zum Teil und rasen doch hintereinander weg. Nun bist du kein Baby mehr, bald wirst du laufen, sprechen, toben, weinen, jauchzen, singen und ohne mich einschlafen (oder zumindest mal neben mir und nicht auf mir). So stolz und gerne schaue ich dir beim aufwachsen zu und bin gleichzeitig so traurig, dass es so schnell geht.

Ich freue mich über jeden und auf jeden Tag mit dir, mein Tochterkind, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, du bist das Beste, was mir je passiert ist.

Ich liebe dich.

Verfasst von

35, alleinstehend, mit Kinderwunsch. Da diese Kombination so ziemlich jeden Mann verschreckt, habe ich mich entschlossen, alleine ein Kind zu bekommen. Über diese Reise werde ich schreiben.

4 Kommentare zu „Tochterkind

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