Mama in einem Kinderdorf

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Und weil nicht nur leibliche Kinder eine Möglichkeit sind, deinen Kinderwunsch auszuleben, zeige ich dir noch eine weitere Art Mama zu werden, die ich persönlich so gar nicht kannte und auf die mich eine Leserin aufmerksam gemacht hat. Ich nenne sie mal Elena. Sie ist Mama in einem Kinderdorf.

Die Geschichte meines Kinderwunsches

Liebe Elena, vielen Dank für deinen Bericht über deine wirklich sehr besondere Art der Mutterschaft. Wie genau du Mutter von 6 Kindern geworden bist, das klären wir gleich. Magst du erstmal kurz die Geschichte deines Kinderwunsches erzählen?

Sehr gerne, ich freue mich sehr, dass ich meine Geschichte präsentieren darf. Ich war 31, als meine 4jährige Beziehung auseinander ging. Wir hatten uns getrennt, weil ich mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen konnte und er lieber keine Kinder wollte. Dann habe ich etwa drei Jahre verkrampft den Vater meiner zukünftigen Kinder gesucht. Hab keine Onlinedatingportale und keine Partynacht ausgelassen, ohne wirklichen Erfolg. Dann hab ich zufällig von der Emotion-Ausgabe „Kinderwunsch – was tun?“ gelesen und sie mir sofort bestellt. Und plötzlich wurde mir klar: Meine Gedanken und Vorstellungen waren bisher sehr begrenzt.

Es war, als ob jemand mir eine Tür öffnete, die ich zuvor gar nicht bemerkt hatte. Vor allem dein Artikel hat mich total überrascht. Da lagen Sie alle vor mir: Die Möglichkeiten ein Kind auch ohne einen Mann zu bekommen. 

Ich las in weiteren Blogs, Zeitschriften und Büchern zu dem Thema und meldete mich bei einem Portal für Singlefrauen mit Kinderwunsch an. Aus meiner Sicht waren hier die meisten Frauen allerdings nur daran interessiert über Samenspende ein Kind zu bekommen.

Co-Elternschaft war auch meine erste Idee

Ich meldete mich trotzdem bei familyship.org an und schrieb mit einem schwulen Pärchen, die sehr nett klangen. Als wir uns gegenübersaßen (fühlte sich an wie ein Blind Date mit dem Co-Vater, aber doch irgendwie anders) fanden wir heraus, dass einer der beiden früher der Schulfreund meiner besten Freundin war. Wir hatten von Anfang an eine Basis und trafen uns oft zu echt schönen Gesprächen und Ausflügen. Ich war begeistert von den beiden und konnte mir vorstellen, mit ihnen eine Familie zu dritt zu gründen.

Sie wollten jedoch, dass ich zu ihnen zog und da kamen Bedenken bei mir auf, da es weiter weg von meinen Freunden und meiner Familie gewesen wäre. Als sie dann nochmal um ein Treffen an einem neutralen Ort baten, war mir klar, dass etwas nicht stimmte. Es fiel ihnen sehr schwer, aber sie sagten mir, sie können sich das nicht vorstellen, weil wir in bestimmten Dingen unterschiedliche Ansichten hatten. Damit hatten sie auch recht.

Die krampfhafte Suche hat mich abgeschreckt

Ich weiß noch, dass ich heimfuhr und mir dachte, ich müsste jetzt eigentlich traurig sein und heulen, aber ich spürte eine Erleichterung. Und ich hatte in den Tagen danach sehr viel mehr Energie wie zuvor. Es war also alles richtig so wie es gelaufen ist.

Ich finde es sehr spannend und auch mal gut zu hören, dass es mit der Co-Elternschaft auch nicht klappen kann. Es ist ja wirklich nicht so einfach, einen Co-Vater zu finden. Ich hatte damals richtig viel Glück. Du hast also wieder umgeschwenkt auf Samenspende?

Nicht wirklich. Als ich eine Story las bei der eine Frau schrieb, dass ihre Freundin noch Sperma aus dem Ausland „übrig“ hatte und sie es sich auch einführen ließ, klappte ich den Laptop zu und merkte, das passt nicht zu mir. Ich habe noch nie die Kirchen nach einem Rat gefragt, aber nun hatte ich ein Bedürfnis mit jemanden zu sprechen, der sehr starke christliche Werte lebte. Ich vereinbarte ein Gespräch mit einer Klosterschwester, die mir riet mich erst mal damit auseinander zu setzen, warum ich Mutter werden wollte. Mir wurde bewusst, dass es mir nicht so wichtig war ein Kind zu gebären, sondern ich wollte ein Familienleben leben. Nicht unbedingt mit Partner, aber gerne mit mehreren Kindern.

Nach diesen Ereignissen wollte ich erst mal „Pause“ machen von allen Überlegungen – Ruhe einkehren lassen. Einige Zeit zuvor hatte ich mich schon über die Möglichkeit informiert, Mama in einem Kinderdorf zu werden. Ich hatte ein Gespräch mit dem Leiter der Einrichtung, die in meiner Nähe lag. Ich erfuhr, dass man bei diesem Lebensentwurf einerseits eine Ersatzmutter für Kinder ist, die nicht bei Ihren leiblichen Eltern wohnen und anderseits auch frei Tage hat, in denen man seine Freizeit genießen kann. Es ist gewollt privates und berufliches zu verbinden (z.B. nimmt man die Kinder einfach zur Verwandschaftsfeier mit).

Das war dein erster Kontakt mit einem Kinderdorf? Wie bist du denn dann schlussendlich dazu gekommen, Mama in dem Kinderdorf zu werden?

In meiner „Pause“, in der ich mich einfach mal nicht mit meiner Zukunft als mögliche Mutter ohne Mann beschäftigen wollte, fragten eines Samstags zwei befreundete Familien, ob ich mit ins Schwimmbad gehen wollte. Ich sagte zu und ein Kumpel schrieb mir: „wenn du mitkommst, kann ich meine 3 Kids mitnehmen statt nur 2“, da er wusste, dass ich ihm helfen würde. Es war ein lustiger Nachmittag und als ich entspannt und etwas müde heimfuhr, wusste ich plötzlich ganz sicher, dass ich Kinderdorfmutter werden möchte und schrieb noch am selben Abend meine offizielle Bewerbung.

Mama in einem Kinderdorf

Der Moment mit vielen Kindern und einem richtigen Familienleben war also der ausschlaggebende Punkt. Das klingt fast so, als hättest du dich genauso schicksalshaft dafür entschieden wie ich. Einfach machen!

Genau. Ich wusste es einfach. Es folgte ein fast einjähriger Bewerbungs- und Entscheidungsprozess mit vielen interessanten Begegnungen und Gespräche und Hochs und Tiefs. Und am Tag vor Weihnachten zog ich ins Kinderdorf ein.

Und wie läuft es? Hast du die richtige Entscheidung getroffen?

Inzwischen bin ich seit mehr als einem Jahr Kinderdorfmutter und es wohnen 6 sehr unterschiedliche Kinder bei mir, von 2 bis 15 Jahren. Das Leben ist bunt, laut, überraschend, witzig, emotional und anstrengend, aber vor allem macht es sooooo viel Sinn. Ich fühle mich wohl. Ich liebe es, wenn sich der 2jährige nach dem Mittagsschlaf an mich kuschelt, wenn ich den 5jährigen nach dem Wutanfall in die Arme nehme oder wenn die Augen der 14jährigen leuchten, wenn sie von ihrem neuen Freund erzählt.

Aber ich liebe es auch, wenn ich in meinem Teil des Hauses Zeit alleine verbringe, die Türen schließe und einfach meine Freizeit genießen kann, ohne ständig meinen Namen zu hören. Ich bin dann einfach Single, schlaf lang aus, lunger mal vor dem Fernseher rum, treffe meine Freunde auch mal ohne Kids usw. Das ist für mich ein geniales Modell, um Familienleben zu leben, aber auch meine Freiräume zu genießen. 

Jeder muss seinen eigenen Weg finden – das ist mein Weg – und ich bin so froh, dass ich den Mut und die Kraft investiert habe ihn zu gehen und vor allem so tolle Wegbegleiter hatte und habe, die mich in allem unterstützt haben.

Meine Familie und Freunde stehen voll hinter mir und ich könnte glücklicher nicht sein.

Voraussetzungen für eine Mama im Kinderdorf

So toll, das freut mich wirklich sehr für dich. Ich habe allerdings noch ein paar Fragen, da ich wirklich noch nie von einem Kinderdorf gehört habe. Obwohl, ich kenne das von den SOS-Kinderdörfern, aber dass es das in Deutschland gibt, wusste ich so nicht.

Es gibt viele verschiedene Träger von Kinderdörfern – der bekannteste Träger ist wohl wie du sagst SOS-Kinderdorf. Weiter Träger sind Caritas, Bethanien usw.. Alle Kinderdörfer haben verschiedene Strukturen, Regeln, Rahmenbedingungen für Kinderdorfmütter (Manche haben wohl gar keine Kinderdorfmütter, also Personen die auch dort wohnen). Eines haben sie sicher alle gemeinsam: Sie geben den Kindern ein Zuhause, die nicht bei Ihrer Familie wohnen können.

Es gibt aber sicher Voraussetzungen, die man erfüllen muss, oder? Das ist ja fast wie der Beruf der Erzieherin, mit 6 Kindern.

Genau, als Mama im Kinderdorf muss man Erzieherin oder Sozialpädagogin o.ä. sein. Jedoch weiß ich, dass z.B. SOS-Kinderdorf auch anbietet, eine vergleichbare Ausbildung innerhalb eines Jahres (oder etwas länger) ab zu schließen und dann als Kinderdorfmutter zu leben und zu arbeiten. Es wird auch noch ziemlich gut bezahlt. Eine Kinderdorfmutter erhält einen Verdienst, der sehr viel höher ist, als eine Erzieherin in einer Kindertagesstätte verdient. Jedoch gibt es keine festen Arbeitszeiten (evlt. bei verschiedenen Trägern unterschiedlich). Ich bin immer für die Kinder da und nehme mir 1-2 Tage in der Woche frei und organisiere mit den Mitarbeitern den Dienstplan demensprechend. Bisher hat es immer geklappt, dass ich auch frei hatte, wenn es mir wichtig war.

Bei mir ist es außerdem so, dass ich mit 6 Kindern zusammenlebe und daraus resultiert dann, dass ich von 2,5 Mitarbeitern (Sozialpädagogen oder Erzieher) unterstütz werde (je mehr Kinder in der Gruppe, desto höher ist die Personalunterstützung). Diese Mitarbeiter arbeiten im Schichtdienst, so dass wir ab und zu gemeinsam die Kinder betreuen oder ich frei haben kann. Wir sehen uns als Team und tragen die Verantwortung gemeinsam (Das sind nicht meine Nannys).

Wie muss ich mir so ein Dorf vorstellen?

In mehreren Häusern (bei uns 12 Stück) leben jeweils 3 bis 9 Kinder in einer Gemeinschaft zusammen und werden von pädagogischen Fachkräften betreut. Einige dieser Häuser haben eine Kinderdorfmutter oder Kinderdorfeltern (auch oft mit eigenen Kindern), die dort auch wohnen. Sie verbringen mehr Zeit mit den Kindern als die Mitarbeiter, die für eine bestimmte Stundenanzahl anwesend sind. Aber das „arbeiten“ einer Kinderdorfmutter fühlt sich aus meiner Sicht nicht immer wie arbeiten an. Ich bin ja doch die Mama im Kinderdorf. Ich treffe mich z.B. mit den Kindern mit meinen Freunden, meine Familie kommt zu Besuch oder ich trinke mal auf der Terrasse einen Kaffee und lass die Kids spielen.  

Welche Kinder wohnen denn in einem Kinderdorf? Es ist ja kein Heim, oder?

Die Kinder haben in der Regel Eltern (keine Waisenkinder), die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht für sie sorgen können. Viele Kinder bleiben, bis sie eine Ausbildung beginnen, andere bleiben auch mal nur ein oder mehrere Jahre. Ich hatte ein großes Mitspracherecht, welche Kinder ich in meiner Familiengruppe aufnahm und weiß durch die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ungefähr, wie lange die Kinder wohl bei mir bleiben werden. Ganz planen kann man das aber nie.

Die Kinder werden auch von den Eltern besucht (ca. alle 2 Wochen). Ich habe einen sehr guten Kontakt zu den Eltern und find es sehr angenehm mit ihnen zu kooperieren. Manchmal lache ich auch mit einer Mutter am Telefon, wenn ich ihr eine Geschichte von ihrem Kind erzähle. Damit muss man sich sehr gut auseinandersetzten, bevor man als Kinderdorfmutter zu arbeiten beginnt, ob das für einen passt, dass man mit der Herkunftsfamilie zusammenarbeitet.

Das klingt eigentlich ähnlich wie bei Pflegeeltern. Dort besteht ja auch oft Kontakt mit der Familie, oft ist es auch nicht ganz einfach.

Ich lebe wahrscheinlich ähnlich wie eine Pflegmutter, aber eben mit vielen Kindern und habe aber auch viel Unterstützung. In der Zeit im Kinderdorf habe ich viele tolle Mitarbeiter vom Jugendamt kennengelernt und viele Fälle, in denen Kinder ein neues Zuhause suchen. Das war mir zuvor nicht klar. Ich kann nur alle Frauen ermutigen, die Single sind und sich ein Kind wünschen (und vielleicht nicht 6 Kinder wie ich), dass sie Kontakt mit dem Jugendamt aufnehmen. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten ein Kind auf zu nehmen und so viele verschiedene Fälle, dass ich glaube, es könnte immer eine passende Kombination gefunden werden. Es gibt einfach so viele tolle Kinder in Deutschland, die dringend ein schönes Zuhause brauchen. 

Pflegemutter wäre das nächste Konzept, das mich interessiert. Adoption auch noch. So viele spannende Möglichkeiten haben wir heutzutage, uns den Kinderwunsch auch ohne Mann zu erfüllen. Liebe Elena, vielen Dank für deine Einblicke in das Leben als Mama in einem Kinderdorf.

Bist du vielleicht Pflegemutter? Dann schreib mir gerne, wenn du deine Geschichte erzählen möchtest.

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