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Warum Medienberichte über Solomutterschaft oft schiefgehen

Frau mit Zeitung
Solomutterschaft

Warum Medienberichte über Solomutterschaft oft schiefgehen

Ein Artikel, ein trauriges Interview, viele Schlagzeilen. Warum die einzelne Erfahrung einer Frau selten das ganze Familienmodell erklärt, und was seriöse Berichterstattung stattdessen leisten müsste.

Jennifer Sutholt
Jennifer Sutholt
Psychologische Beraterin & Mediatorin · in einer Co-Elternschaft seit 2016

Hinweis in eigener Sache: Ich verlinke in diesem Beitrag auf Inhalte und Produkte von mir, daher kennzeichne ich das als Werbung.

Sichtbarkeit ist gut, aber nicht jede Berichterstattung hilft

Solomutterschaft bekommt zum Glück immer mehr Aufmerksamkeit, auch in den Medien. Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Je mehr Frauen über diesen Weg lesen, desto eher fühlen sie sich gesehen, wenn sie den Weg bereits gegangen sind. Und die, die gerade überlegen, eine Solomutterschaft einzugehen oder ein passendes Familienmodell für sich suchen, die fühlen sich weniger allein damit.

Trotzdem lese ich immer wieder Artikel, die dem Thema nicht gerecht werden. Meistens läuft es nach demselben Muster ab: Eine einzelne Frau erzählt von ihren schwierigen Erfahrung und am Ende steht ein Bild im Raum, das für alle Solomütter gelten soll. Genau darüber möchte ich heute schreiben.

Der Denkfehler: eine Erfahrung wird zur ganzen Wahrheit

Wenn eine Frau erzählt, dass ihr die Solomutterschaft schwerfiel, ist das erst einmal genau das: ihre Erfahrung. Das sind ernstzunehmende Gefühle und diese Frau braucht Unterstützung.

Das Problem entsteht erst, wenn daraus eine allgemeine Regel gemacht wird. Eigene Erfahrungen fühlen sich schwerwiegend und allgemeingültig an, sind es aber nicht. Wenn es einer Frau so ging, heißt das nicht automatisch, dass es allen so geht.

Das ist ein sehr menschlicher Denkfehler, Psycholog*innen nennen ihn Induktionsschluss: die eigene Erfahrung wird auf die Gesamtsituation übertragen. Nur weil eine Solomutter sich allein und unvorbereitet gefühlt hat, heißt das nicht, dass das für alle gilt oder dass es überhaupt jemals repräsentativ für die meisten Solomütter war.

Ich verstehe, wenn eine Frau vor zehn Jahren, als es kaum Austausch und Vorbereitung für diesen Weg gab, sich allein gefühlt hat. Das kann ich gut nachvollziehen, und es tut mir leid für jede, der es so ergangen ist. Genau deshalb ist Vernetzung mit anderen Frauen in der gleichen Situation heute so wichtig. Damit niemand mehr das Gefühl hat, ganz allein mit ihrer Entscheidung dazustehen.

Vernetzung für Co-Eltern

Vernetzung für Co-Eltern und Solomütter

Co-Elternschaft und Solomutterschaft sind besondere Wege zum Wunschkind. Umso wichtiger ist es, Menschen zu kennen, die denselben Weg gehen. Vernetzung gibt dir Orientierung, Erfahrungsaustausch und das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Treffen finden

Was die Studienlage tatsächlich sagt

Wenn es um das Wohl der Kinder geht, schenke ich der Studienlage mehr Vertrauen als der Erfahrung einer einzelnen Frau. Und die zeigt: Kinder, die bei Solomüttern oder in Regenbogenfamilien aufwachsen, entwickeln sich genauso gut und psychisch stabil wie Kinder in der klassischen Mutter-Vater-Kind-Konstellation. Entscheidend ist nicht die Familienform, sondern wie liebevoll und offen ein Kind aufwächst.

In dieser zweiten Phase der Langzeitstudie wurden 44 alleinstehende Mütter mit 37 Müttern in Partnerschaft verglichen, alle mit einem durch Samenspende gezeugten Kind im Alter von 8 bis 10 Jahren. Untersucht wurden die psychische Gesundheit der Mütter, die Qualität der Mutter-Kind-Beziehung sowie emotionale und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder, erhoben bei Müttern, Kindern und Lehrkräften. Zwischen den beiden Familienformen zeigten sich keine Unterschiede. Auffälligkeiten bei den Kindern hingen stattdessen mit elterlichem Stress und bereits zuvor bestehenden Anpassungsschwierigkeiten zusammen, unabhängig von der Familienform. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass weder zwei Elternteile noch ein männlicher Elternteil notwendig sind, damit Kinder gut aufwachsen. Entscheidend ist die Qualität der familiären Beziehungen, nicht die Familienstruktur.

Golombok et al., 2020, Journal of Family Psychology

Die meisten Solomütter, die ich kenne, klären heute ihr Kind von Anfang an über seine Entstehung auf. Ob ein Kind später Fragen stellt oder sich irgendwann mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen muss, das können wir nicht vorhersagen. Genauso wenig, wie Eltern in klassischen Familien vorhersagen können, welche Themen ihre Kinder später beschäftigen werden.

Typische Schwachstellen in der Berichterstattung

Wenn ich mir Artikel über Solomutterschaft anschaue, finde ich immer wieder dieselben Muster:

Reißerische Begriffe: Solomutterschaft wird als „Hype“ oder „Trend“ bezeichnet, dabei ist der Wunsch nach einem Kind ohne passenden Partner kein neues Phänomen, nur der legale Weg dazu ist es.

Fehlende Einordnung: Fachpersonen, Studien oder Erfahrungsberichte anderer Solomütter kommen selten zu Wort, obwohl sie das Bild ausgleichen würden.

Keine Differenzierung: Samenbankspende, private Samenspende und Co-Elternschaft werden oft in einen Topf geworfen, dabei unterscheiden sie sich rechtlich und persönlich stark.

Fehlende Gegenstimmen: Eine einzelne, oft schwierige Erfahrung bleibt unwidersprochen stehen, obwohl es genauso viele positive Geschichten gibt.

Was gut vorbereitete Solomutterschaft tatsächlich bedeutet

Ich kenne keine Solomutter, die nicht ständig reflektiert. Von Anfang an stellen wir uns dieselben Fragen: Schaffe ich das? Wie schaffe ich das? Was ist, wenn mein Kind mich überfordert? Will ich wirklich rund um die Uhr allein zuständig sein? Spätestens wenn es an die Umsetzung geht, zeigen die meisten Solomütter, wie viel Kraft in dieser Entscheidung steckt.

Auch finanziell ist kaum eine Frau so gut vorbereitet wie eine, die sich für diesen Weg entscheidet. Eine Behandlung kostet schnell mehrere Tausend Euro, manche Solomütter geben über 30.000 Euro aus. Wer diesen Weg geht, hat sich vorher intensiv mit den Kosten, den finanziellen Aspekten einer Elternschaft und den eigenen Möglichkeiten auseinandergesetzt. Das trifft man nicht über Nacht.

Warum ein fehlender Vater nicht automatisch ein Problem ist

Ein Kind braucht männliche Bezugspersonen, das steht außer Frage. Aber das muss nicht zwingend der biologische Vater sein. Ein Onkel, ein guter Freund, der Opa, ein Cousin können diese Rolle genauso ausfüllen. Viele Solomütter denken genau darüber lange nach, bevor das Kind überhaupt da ist.

Auch die Sorge, dass einem Kind für immer ein Stück Identität fehlt, muss nicht zutreffen. Je nach Samenbank bekommen Kinder ein ausführliches Profil des Spenders, und über das Samenspenderregistergesetz besteht ab 16 die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Manche Kinder interessiert das sehr, anderen reichen ein paar Informationen völlig aus. Beides ist normal.

Sichtbarkeit durch den Verein

Damit Solomütter heute mehr Unterstützung finden, Vorurteile abgebaut werden und das Familienmodell insgesamt sichtbarer wird, gibt es seit 2021 den Verein Solomütter Deutschland e.V. Dort setzen wir uns dafür ein, dass Solomütter gesehen und als normale Familie akzeptiert werden.

Solomütter Deutschland e.V.

Solomütter Deutschland e.V.

Der erste Verein für Solomütter in Deutschland. Werde Teil der Community, vernetze dich mit Gleichgesinnten und erfahre mehr über die Wege der Solomutterschaft, ob nach Samenbankspende, privater Samenspende, in Co-Elternschaft oder über Pflege und Adoption.

Zur Website

Wie geht es dir mit dem Thema? Hast du selbst Erfahrungen gemacht, positive oder schwierige, die du teilen möchtest? Schreib sie mir gerne in die Kommentare.

Unterschrift Jennifer Sutholt
Jennifer Sutholt

Jennifer Sutholt

Jennifer Sutholt ist psychologische Beraterin mit Schwerpunkt Co-Elternschaft, private Samenspende und alternative Familienmodelle. Sie lebt seit zehn Jahren selbst in einer Co-Elternschaft und begleitet Menschen seit acht Jahren auf dem Weg zu ihrem Wunschkind.

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