Das Zahnputzkrokodil oder verrannt, erkannt, gebannt.

Zähneputzen mit Kind.

Ein Reizthema. Mein Reizthema.

Meist gibt es zwei Lager, die einen sagen: ‚ bei uns total entspannt ‚, bei den anderen -mir zum Beispiel- rollen sich die Fußnägel. Eigentlich fing es bei uns auch wirklich einfach an, ich habe mit 3 Monaten angefangen, abends mit einer Lernzahnbürste ohne Borsten ein bisschen auf dem Zahnfleisch rumzudrücken, damit das Kind das Gefühl kennt und sich später keine Probleme ergeben. So die Theorie. Hat bei uns genau so lange super geklappt, bis da tatsächlich die Zähne waren, denen diese Behandlung ja eigentlich zu Gute kommen sollte. Die Schneidezähne stellten noch kein Problem dar, aber als dann die Backenzähne kamen, oh je. Ab da war der Ofen aus und es wurde immer schwieriger, auch nur dranzukommen. Ich habe alles versucht, singen, spielerisch mit Ablenkung, jeden Ort der Wohnung, selber machen, Mamas Zähne putzen, nachmachen -alles. Sogar Videos auf dem Telefon, was mir doch ziemlich gegen den Strich ging. Hat aber auch nicht funktioniert, hier eher zum Glück. Das Ende vom Lied war, dass ich sie mir unter den Arm klemmen musste und unter Zwang geputzt habe. Jeden Abend wurde das Heulen lauter. Gut, bei einem laut schreienden Kind kommt man super an alle Zähne, aber das konnte nicht die Lösung sein. Da tut man alles um das Kind gewaltfrei aufzuziehen, diskutiert stundenlang empathisch und verständnisvoll, ob jetzt doch bitte mal vielleicht eine Windel angezogen werden könnte und dann nutzt man das Weinen, um Zähneputzen zu erzwingen.

Irgendwie hatte ich mich verrannt und dann aufgegeben. War an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr weiter wusste. Und meistens ist das das Hauptproblem. Erstmal muss man erkennen, dass etwas falsch läuft, dann zugeben, dass man den Fehler selber gemacht hat (auch nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber als Mama hat man schon eine gewisse Reflektionspflicht) und dann einen anderen Weg finden. Gar nicht so einfach, aber es gab dringenden Handlungsbedarf. Für uns beide war es jeden Abend ein Drama, schon die Erwähnung des Vorgangs ließ die Tränen laufen. Aber was tun, Zähne müssen geputzt werden, weiß doch jeder. Und irgendwann dachte ich mir, nein, Zähne sollten geputzt werden, aber nicht auf Teufel komm raus. Ja, Karies wäre sicher doof, aber die Tränen und Angst jeden Abend finde ich viel doofer und meine Performance als Mama unterirdisch. Und es kommen ja nochmal Zähne, man bekommt also eine zweite Chance. Wir haben erstmal aufgehört zu putzen. Alles auf Null gesetzt. Ich habe es zwar morgens und abends angeboten und auch meine Zähne vor ihr geputzt, aber wenn sie nicht wollte, dann eben nicht. Sie kaut auf der Zahnbürste rum und bekommt ein bisschen Zahnpasta und gut, das musste erstmal reichen. Sie isst ja noch keine Süßigkeiten und das Dogma: Zähne müssen am Abend geputzt werden und dann wird nichts mehr gegessen, ist sowieso eher obsolet, wenn danach die ganze Nacht gestillt wird. Dass Stillen Karies begünstigt, ist tatsächlich auch eher ein Mythos aus den 70ern, da gab es mal eine schlechtgestützte Studie. Wer sich da genauer informieren möchte, gerne hier.

Aber putzen ist mir eigentlich schon wichtig und nach einem Reset, nämlich erstmal alles komplett ihr zu überlassen, da brachte mich zufällig Twitter auf einen neuen Ansatz: versucht doch mal, eine Handpuppe einzusetzen. So eine kannte sie aus einem Babykurs und fand sie damals auch toll. Dass ich da nicht früher drauf gekommen bin! Facepalm! Ich habe direkt improvisiert und aus einem Strumpf ein Krokodil gebastelt -weil der Strumpf grün ist und Krokodile große Zähne zum putzen haben. Unseres angenähnte und umhäkelte aus Moosgummi. Noch schnell zwei Zuckeraugen angeklebt, mit Nagellack wasserfest gemacht und fertig war das Zahnputzkrokodil. Mit lustiger Stimme und eigenem Lied begann der Versuch und siehe da: es klappt! Ich habe mir ewig Zeit genommen, hab erklärt, wer das ist, was es macht und warum. Am ersten Abend durfte das Vieh nur meine Zähne putzen und ich seine, an Tag zwei aber schon ihre und jetzt nach 5 Tagen putzt das Krokodil erst meine Zähne, dann die des Kindes und sogar ich durfte mal ran. Mund auf, putzen lassen, ausspucken – es funktioniert wie Magie. Klar findet sie die Puppe toll, aber ich glaube, das ist es gar nicht ausschließlich, sondern mein Zurücktreten und von vorne Anfangen. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, Kind in den Brunnen gefallen, Trauma da, nie wieder eine entspannte Bettroutine. Bullshit! Man kann immer zurück, neu anfangen, einen Perspektivwechsel vornehmen. Klar ist das nicht einfach, man muss einen neuen Blickwinkel finden, Wut unterdrücken (boah, was hat mich das jeden Abend genervt!) und schauen, ob es vielleicht einen anderen Ausweg gibt. Nicht nur beim Zähneputzen. Ich will jetzt auch nicht pathetisch werden, aber so kleine ärgerliche Sachen kann man wirklich auflösen, mit ein bisschen Kreativität, Fantasie und viiiiiieeeeeel Geduld. Es lohnt sich! Hier werden jetzt sogar morgens und abends die Zähne geputzt, manchmal schleppt sie das Krokodil sogar zwischendurch für eine Bonusrunde an. Magie!

Verfasst von

35, alleinstehend, mit Kinderwunsch. Da diese Kombination so ziemlich jeden Mann verschreckt, habe ich mich entschlossen, alleine ein Kind zu bekommen. Über diese Reise werde ich schreiben.

4 Kommentare zu „Das Zahnputzkrokodil oder verrannt, erkannt, gebannt.

  1. Hier – wie wohl bei Millionen Eltern weltweit –
    die exakt gleichen Szenarien, Gedanken und Recherchen. Mit den gleichen Ideen von Liedersingen, Schreien-ausnutzen bis Handpuppe. Mein Kind ist 10 Monate älter als Deins.
    Ich warte auf Bericht, wann die Handpuppe nicht mehr zieht. 🙂
    Dann vielleicht als nächstes die Methode „Mama / Handpuppe /sprechende Zahnbürste ist dusselig“: Mama schrubbt mit der Zahnbürste am Knie oder Bauch oder Ohr etc… Und sagt „soooo, Zeit für Zähneputzen. Ist das so richtig? NEIN? Hier vielleicht? AUCH NICHT??? Ja wo sind denn die Zähne, vielleicht hier?“ …. Kind lacht sich scheckig.
    Oder zwei Kuscheltiere nehmen, die Arme haben, mit denen Du die Zahnbürste indirekt halten kannst, und die sich drum zanken, wer dem Kind die Zähneputzen darf.

    1. Hallo Maren,

      Das sind ja nochmal total gute Tipps. Das Krokodil wird sicher nicht ewig ziehen, das stimmt. Bis das Verständnis da ist, muss man sich sicher so einiges einfallen lassen. Aber Hauptsache ist, dass man es tut.

    1. Da hast du richtig Glück! Bei uns wurde heute zum ersten Mal freiwillig Zähne geputzt, das war für mich ein riesen Erfolg

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