Alleine Vater werden

Ich kannte mal einen Mann, der war wie ich: Single, nicht unglücklich damit, aber mit einem starken Kinderwunsch. Später waren wir beide gleich unglücklich ohne Partner oder doch nur ohne Kind? Heute ist er, wie wir waren, dachte ich, doch vor nicht allzu langer Zeit hat er sich nach Jahren bei mir gemeldet, um mir zu erzählen, dass er ist wie ich war: auf dem Weg Vater zu werden – alleine. Und bald sein wird, was ich war: Single mit Kind.

Aber wie wird ein Mann alleine Vater?

Wie man das als Frau machen kann, das wissen wir alle. Wer das nicht weiß, findet hier die Liste. Aber als Mann? Da fehlt einem doch etwas entscheidendes. Ich habe also erstmal dumm geschaut und es nicht begriffen. „Wie?“ frage ich ihn. „Mit einer Eizellenspende und einer Leihmutter“ sagt er. Ich sage erstmal nichts mehr. Denke nach. Denke an arme ausgebeutete Frauen, die ihre Gebärmutter verleihen oder Eizellen verkaufen müssen. Ich bin irgendwie geschockt. Aber Moment mal.

Müsste ich nicht als Allererste vorurteilsfrei sein?

Wenn es bei jemandem nicht klassisch zugeht, dann ja wohl bei mir und wie kann ich es wagen, als erstes kritisch zu denken? Ich fange also nochmal neu an, falle ihm um den Hals und freue mich. Sein größter Wunsch geht in Erfüllung! Was das verändert, weiß ich. Wie aufgeregt er ist, toll. Wie mutig, es mir zu sagen. Es weiß nämlich kaum jemand. Weil die meisten es nicht verstehen würden. Weil die meisten die gleiche spontane Reaktion haben werden wie ich (ups). Weil auch bei ihm die gleichen Fragen kommen würden wie bei mir und allen Singles der Welt:

  • Warum wartest du nicht auf die richtige Frau?
  • Es ist immer für irgendetwas gut
  • So hast du wenigstens deine Freiheit und musst dich nach niemandem richten
  • Heirate doch einfach irgendeine, die du wenigstens magst.
  • Die Richtige kommt sicher bald.
  • Du bist doch noch jung genug.
  • Du hast doch noch so viel Zeit.
  • Wie willst du das schaffen? Alleine? Als Mann???

Da sehen sich Männer mit noch ganz anderen Problemen konfrontiert als Frauen. Denen wird wenigstens wenig liebevoll vorgeschlagen, sich doch einfach von einem One night stand schwängern zu lassen. Na danke. Erstmal ist ein starker Kinderwunsch bei einem Mann per se komisch. Der kann doch auch mit 50 noch. Möchte er aber vielleicht nicht? Vielleicht haben Männer ja genau den gleichen Druck wie Frauen, dürfen das aber nicht laut sagen? Auch bei ihnen sinkt nämlich die Wahrscheinlichkeit, Vater zu werden. Nicht unbedingt, weil es körperlich nicht mehr geht, das auch, sondern eher, weil man tendenziell doch mit jemand etwa im gleichen Alter zusammen ist.

Vater alleine mit Kind? Kann der das?

Zusätzlich wird Männern meistens auch die Kompetenz abgesprochen, sich wirklich um ein Kind zu kümmern. Also es so richtig komplett zu versorgen, quasi den mütterlichen Part zu übernehmen. Zeugen und monetär versorgen, das sollen sie, können sie, denken so viele auch selber, aber wirklich die Care Arbeit übernehmen? Ja, mal ein paar Monate in Teilzeit oder unter Aufsicht der Mutter oder in gleichberechtigter Elternschaft, aber so ganz alleine? Merkwürdig. Da stimmt doch etwas nicht. Wie schade eigentlich, dass das immer noch das Bild vom Mann ist. Leider auch von den Männern selbst.

Ist nicht auch das Teil der Gleichberechtigung?

Gerade habe ich einen sehr schönen Artikel dazu gelesen, von Antje Schrupp in der ZEIT. Er hat mich auch bewogen, den Artikel endlich zu schreiben. Denn sie sagt es sehr schön, die neuen medizinischen Möglichkeiten zementieren die Idee der Bilderbuchfamilie eher, als neue Möglichkeiten zu eröffnen. Wie schade, denn es könnte so viele verzweifelte Herzen heilen.

Das Band zwischen Erwachsenen und ihren „eigenen“ Kinder wird nicht mehr in erster Linie über Schwangerschaft und Geburt hergestellt, sondern über Eizelle und Sperma. Aber trotzdem haben Reproduktionstechnologien, von kleinen queeren Enklaven abgesehen, gerade nicht zu mehr Freiheit und Vielfalt in der Gestaltung menschlicher Gemeinschaften geführt. Sondern sie dienen vor allem dem Zweck, angebliche Natürlichkeit zu simulieren: Das Ideal der Kleinfamilie kann heute auch dann realisiert werden, wenn ein Paar „von Natur aus“ gar keine Kinder bekommen kann.

Antje Schrupp, 10 vor 8, ZEIT vom 15.Juli 2019

Sind Eizellen wertvoller als Sperma?

Das Thema Leihmutter finde ich ebenfalls schwierig, weiß aber zu wenig darüber. Wie das denn abläuft, frage ich ihn. „Alleine Vater werden ist teuer. Für 30.000€ bekommt man zwei Versuche. In den USA sind es deutlich mehr, eher 100.000. Geld ist also ein Faktor. Jeder weitere Versuch kostet 6.000€. Die Eizelle muss man extra kaufen. “ Das hat er in seinem Land gemacht, dort ist die Eizellenspende erlaubt. Er durfte die Frau sogar treffen und es gibt ein gemeinsames Foto. Für das Kind später. Wie beim männlichen Spender auch, kann das Kind mit 16 die Spenderin kennenlernen.

Mit der Eizellenspende habe ich kein gedankliches Problem, das würde ich auch machen. Warum auch nicht? Bevor man die nutzlos wegblutet, könnten sie anderen Frauen das schönste Geschenk der Welt machen. Sperma darf man ja auch spenden. Aber irgendwie macht einen eine Eizelle mehr zur Mutter als ein Spermium zum Vater. Auch komisch, oder? Vielleicht weil die Spermien klein und viele sind und Eizellen so gut versteckt und rar? Zumindest ich habe keiner meiner Eizellen mehr hinterher getrauert als wahrscheinlich jeder Mann seinem Erguss.

Die Sache mit der Leihmutter

Darüber haben wir sehr lange gesprochen. Auch sie durfte er kennenlernen, ist dafür extra in die Ukraine geflogen. Dort wird sein Kind ausgetragen. Wie ich ihn kenne, hätte er sie am liebsten mit nach Hause genommen, um sich um sie zu kümmern, aber das ist nicht möglich. Schon ein Kennenlernen ist nicht immer erwünscht. Wie er sich damit fühlt, dass eine Fremde das Kind austrägt, dass es irgendwie ein Geschäft ist. „Ja, schwierig“, sagt er, „aber eine andere Möglichkeit habe ich im Moment nicht. Ich kann nicht wählen.“ Und das stimmt. Was sollte er denn sonst machen? Außer den oben genannten freundlichen Vorschlägen. Dass er außen vor ist, in einem anderen Land, nicht helfen kann, es nicht wirklich realisieren kann, das belastet ihn. „Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Es ist meine einzige Chance, mir den Kinderwunsch so erfüllen, wie ich es möchte. Selbstbestimmt. So wie du.“

Keine Neuigkeiten außer schlechten

Und dann wird es richtig schwierig. Eine erfolgreiche Schwangerschaft wird verkündet und dann ist Funkstille. Entweder gibt es bis zur Geburt sehr sporadisch ein Update, mal ein Ultraschallbild – oder schlechte Nachrichten. Die leider kamen. Zweimal endete eine Schwangerschaft in den ersten Wochen. Beide Male ein Schock. So fern die Leihmutter auch ist, so abstrakt der Gedanke im ersten Moment zu sein scheint, dass da ein lebensveränderndes Wesen heranwächst, das eigene Kind, so real ist doch der Schmerz, wenn es nicht funktioniert hat. Der Traum vom eigenen Kind, auf einmal so nah, zerbricht und was bleibt? Erstmal Leere. Schmerz, den man im Gesicht des Mannes sehr deutlich sieht. Und die Erkenntnis, dass dieser Weg erstmal eine Sackgasse ist. Denn die beiden Versuche haben viel Geld gekostet, weitere sind im Moment nicht möglich.

„Was jetzt?“, frage ich. „Ich weiß es nicht.“sagt er.

Like it? Pin it

Verfasst von

35, alleinstehend, mit Kinderwunsch. Da diese Kombination so ziemlich jeden Mann verschreckt, habe ich mich entschlossen, alleine ein Kind zu bekommen. Über diese Reise werde ich schreiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.