Mama werden durch ein Pflegekind

Pflegekind, planningmathilda

Dies ist der letze Teil von Alex’s Geschichte. Ihr Weg zum Wunschkind gleicht eher einem Hollywood Film oder Krimi. Aber nun ist sie stolze Mama von einem Pflegekind. Wie sie endlich ans Ziel gekommen ist, Mutter zu werden, das liest du von ihr selber:

Mein Happy End

Sie schläft. Endlich. Ich sitze hier in einer schicken Airbnb-Wohnung in meinem alten Kiez im Prenzlauer Berg und bin froh, ein halbes Jahr nach dem Einzug unseres Pflegekindes endlich mal diesen Text schreiben zu können. Ja, ich bin tatsächlich Mama. Aber die kleine Maus ins Bett zu bringen und in den Schlaf zu begleiten gehört tatsächlich nicht zu meinen Lieblingsaufgaben … Wie ich zu meinem Pflegekind gekommen bin, erzähle ich euch im letzten Teil meiner Kinderwunsch Geschichte.

Wer meine vorherigen Blogbeiträge kennt, weiß, dass ich lange darauf gewartet habe und die Art und Weise, wie ich Mutter werden wollte, immer wieder ändern musste. Gerade als ich den passenden Co-Vater für eine Co-Elternschaft gefunden hatte, kam Torsten in mein Leben. Er war sofort bereit, sich auf meinen Kinderwunsch einzulassen. Nach einer Diagnose stellte sich heraus, dass eine Schwangerschaft auf natürlichem Wege nicht möglich sein wird. Daraufhin versuchten wir drei künstliche Befruchtungen, mehr als drei Versuche wollten wir nicht machen. Ich musste mich von meinem Wunsch nach einem leiblichen Kind verabschieden.

Mein Plan D ist ein Pflegekind

Im Endeffekt hatten mein Mann Torsten und ich uns im Juni 2020 beim Jugendamt um die Aufnahme von einem Pflegekind in Dauerpflege beworben. Nach dem Anerkennungsverfahren im September desselben Jahres wussten wir nicht, wie lange es dauern würde, bis wir den „ersehnten Anruf“ bekommen würden, dass es ein passendes Kind für uns gäbe. Nach einem anstrengenden Herbst und Winter im Lockdown inklusive Warteschleife der Ungewissheit, kam die Nachricht von einem passenden Kind dann schneller, als gedacht. Und nicht per Anruf, sondern per E-Mail an einem Montag Ende Januar um 7 Uhr morgens.

Wir saßen noch im Bett und tranken Kaffee, als ich diese E-Mail las. Ich hatte mich gerade als Designerin selbstständig gemacht und hätte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich auch gar kein Problem damit gehabt, wenn diese Info noch drei bis vier Monate später gekommen wäre. Aber wie es eben so ist – wenn man den Dingen nicht mehr hinterherläuft, kommen sie plötzlich von alleine. 

Warten auf das zukünftige Kind

Aber die Freude über diese E-Mail war natürlich riesig! Und unsere Neugierde sowieso. Wir vereinbarten für mittags ein Telefonat mit unserer Ansprechpartnerin beim Jugendamt und erfuhren die Geschichte dieses Kindes. Ein kleines Mädchen, 16 Monate alt. Und wir bekamen die Informationen, die aus ihrem bisherigen Leben sowie ihre Herkunftsfamilie bekannt waren. Torsten und ich grinsten uns während dieses Telefonats ständig an und nickten. Das Angebot, erstmal eine Nacht darüber zu schlafen, nahmen wir nicht an. Es hörte sich alle so gut an für uns. Wir kannten noch keinen Namen und hatten kein Foto, aber sicherlich beide schon das Bild eines zierlichen, dunkelhaarigen Mädchens im Kopf.

Bevor wir die Kleine kennenlernen durften, sollte vorab ein Treffen mit der leiblichen Mutter sowie der Vormündin des Kindes stattfinden. Bis zu diesem Treffen, bei dem die leibliche Mutter letztendlich nicht erschienen ist, hat es lange drei Wochen gedauert. Eine Zeit, in der wir nicht wussten, ob wir uns nun freuen durften oder lieber zurückhaltend sein sollten. Wir hätten am liebsten schon das Kinderzimmer eingerichtet, aber es war ja alles noch in der Schwebe. Was, wenn es zwischen uns und dem Kind nicht funkt? Oder wir uns aus anderen Gründen doch nicht vorstellen können, dieses Kind bei uns aufzunehmen? Bis wir sie kennenlernen durften, dauerte es weitere anderthalb Wochen.

Endlich durfte ich meine Tochter kennenlernen

Und dann war es soweit. Wir saßen ganz aufgeregt mit der Dame vom Jugendamt sowie einer Person vom Bereitschaftspflegedienst in einem Raum und warteten auf sie. Zusammen mit ihrer Bereitschaftspflegemutter betrat sie den Raum und war so unheimlich süß. Dieses Lächeln! Und diese leuchtenden schwarzen Augen! Ich kann noch nichtmal sagen, dass ich sofort verliebt in sie gewesen sei, aber sie hatte einfach eine positive und süße Ausstrahlung. Wir durften dann eine halbe Stunde lang mit ihr spielen, was erstmal komisch war, weil wir uns von den anderen irgendwie beobachtet fühlten. Dieses Mal brauchten wir aber tatsächlich diese eine Nacht zum drüber schlafen, diese Entscheidung war einfach zu wichtig. Und wir waren nach dem Termin erstmal platt. Das ist schon komisch, wenn man plötzlich sein zukünftiges (Pflege-)Kind kennenlernt.

Torsten hat auf dem Rückweg mal kurz Panik bekommen, weil er noch keinen neuen Job hatte. Das hat sich nachher aber noch als sehr gut erwiesen, weil wir so die komplette Anbahnung gemeinsam machen konnten. Ich bin nach dem Treffen erst einmal joggen gegangen, um den Kopf frei zu bekommen und meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Wir haben später nochmals miteinander gesprochen und waren uns sicher, dass wir zu 95 Prozent dafür sind, dieses kleine Mädchen bei uns aufzunehmen. Am nächsten Morgen nach dem Aufwachen waren es dann 100 Prozent und wir haben unserer Ansprechpartnerin vom Jugendamt Bescheid gegeben. 

Die Anbahnung

Ein paar Tage später ging es dann los. Ein Pflegekind wird langsam an die neue Familie gewöhnt, das nennt sich Anbahnung: Wir sind für zwei Wochen fast jeden Tag für mehrere Stunden zur Bereitschaftspflegefamilie in eine andere Stadt gefahren, um Zeit mit unserer zukünftigen Tochter zu verbringen. Die Familie war wirklich sehr herzlich. Wir wurden dort unheimlich gut integriert und fühlten uns sehr wohl. Nach ein paar Tagen durften wir auch schon alleine Zeit mit dem Kind verbringen und es lief alles sehr gut. Sie war fröhlich und schien uns zu mögen. Ich hatte mich schon etwas gewundert, dass dieses Kind immer gut drauf war und nie weinte. Aber das ist wohl normal am Anfang.

Wie wir Erwachsenen uns in einem neuen Job oder einer neuen Beziehung auch erstmal nur von unserer besten Seite zeigen, tut dies ein Pflegekind wohl auch. Diese Phase nennt sich „Honeymoon“. Und wir waren sowas von im Honeymoon mit der kleinen Maus! Spätestens beim dritten Treffen hat’s mich richtig erwischt.

Wie ist das mit der Ähnlichkeit?

Wobei ich zugeben muss, dass ich mich anfangs auch ein bisschen in ihren kleinen Pflegebruder verliebt hatte. Während man bei unserer Tochter auf den ersten Blick sieht, dass sie nicht unser leibliches Kind ist, sah er so aus, als wäre er mein Kind. Rote Haare und blaue Augen – sehr selten und eben genau wie ich. Aber ihn habe ich mir dann schnell wieder aus dem Kopf geschlagen. 

Manchmal ist es wohl tatsächlich so, dass Pflegekinder auch den Pflegeeltern ähnlich sehen, aber das gehört meines Wissens nicht zu den Kriterien, die über ein Match entscheiden. Für uns war es nie ein Thema, ob das Kind uns ähnlich sehen würde. Und an die ständigen Nachfragen, wo denn ihr Papa herkomme, habe ich mich schon gewöhnt. Meistens sage ich dann die Wahrheit, manchmal aber auch nur „aus Köln“. Einmal habe ich etwas ganz anderes versucht und gesagt, der Vater käme aus Mittelamerika (was nicht stimmt). Bis das Gespräch dann so weit ging, dass die fragende Person unsere Tochter auf Spanisch ansprach.

Okay, es war ein Versuch. Ich wollte mal testen, welche Möglichkeiten ich habe, wenn ich nicht jedem auf die Nase binden will, dass sie nicht unser leibliches Kind ist. Eigentlich gehe ich mit dem Thema ja sehr offen um, aber das Thema „Pflegekind“ bringt auch immer noch einige Vorurteile oder Stigmatisierungen mit sich. Und vielleicht habe ich manchmal einfach keine Lust, jeder Person die Geschichte unserer Tochter zu erzählen.

Ganz ehrlich? Anstrengend ist das richtige Wort

Die Zeit der Anbahnung war sehr schön und aufregend, aber auch anstrengend. In den wenigen Stunden, die wir nicht mit unserer Tochter verbrachten, haben wir ihr Kinderzimmer gestrichen und eingerichtet sowie sämtliche Dinge besorgt, die man für ein kleines Kind benötigt. Ich habe nebenbei auch noch gearbeitet und mich tatsächlich schon um Kita-Bewerbungen gekümmert. Kann man ja nicht früh genug mit anfangen. Und wir waren eben total verliebt – was ja auch ein Ausnahmezustand ist. Etwas entspannter wurde es, als die Treffen nach zwei Wochen dann täglich bei uns stattfanden. Aber dann von morgens bis abends inklusive Mittagsschlaf. Jetzt konnten wir uns schon so ungefähr vorstellen, wie es sein würde, wenn sie bei uns lebt. Im Nachhinein muss ich das Wort UNGEFÄHR aber nochmals betonen. Ein Kind bei sich zu haben, und eben nicht mehr abends abzugeben, ist etwas ganz anderes.

Mama und Papa – das sind wir!

Unsere Tochter ließ sich ziemlich schnell anmerken, dass sie nun gerne zu uns ziehen würde. Z.B. wachte sie nachts auf und fragte nach Mama und Papa. Und das waren wir. Die Bereitschaftspflegeeltern wurden anders genannt. Nach Rücksprache mit allen Beteiligten von Amtsseite zog sie dann 2 Tage früher als geplant bei uns ein. Mit jeder Menge Klamotten und Spielsachen. Die durfte sie nämlich behalten. Und ganz wichtig: mit ihrem Wauwau, einem Stoffhund, der ihr nicht von der Seite weicht. Ihre absolute Konstante in ihrem bisher sehr unsteten Leben. Ihre Bereitschaftspflegemutter brachte zum Einzug unserer Tochter einen Blumenstrauß für mich mit. Und auch zwei Stunden später kam unsere Ansprechpartnerin vom Jugendamt mit einem Blumenstrauß zu uns zu Besuch. Das fand ich eine total schöne Geste, um mich im Muttersein zu begrüßen …

Und dann war es soweit, wir waren von 0 auf 100 Eltern eines fast 18 Monate alten Kindes, das schon damals sehr mobil und neugierig war. Da hätte ich mir manchmal einen viel schlafenden Säugling gewünscht, den man durch die Gegend trägt (die durchwachten Nächte wiederum hätte ich mir nicht gewünscht). Die kleine Maus war zwar immer noch gut drauf, aber man durfte sie natürlich nicht aus den Augen lassen. Und wenn man diese Verantwortung nicht dauerhaft gewohnt ist, kann das anfangs ziemlich anstrengend sein. 

Unsere neue Rolle: Eltern sein

Viel anstrengender jedoch war, dass Torsten und ich uns in unserer Elternrolle untereinander zurechtfinden mussten. Dass wir durch den Lockdown eh schon seit Monaten mehr aufeinander hockten, als uns lieb war, hat dazu nicht gerade positiv beigetragen. Konflikte, die schon vorher bestanden, kamen nun verstärkt heraus. Ebenso Charaktereigenschaften, die man aneinander vielleicht nicht ganz so toll findet, wurden verstärkt. Ich wünschte mir in dieser Zeit sehr oft, dass ich tagsüber einfach alleine bin mit unserer Tochter.

Das Absprechen, wer wann was wie macht fand ich tatsächlich oft anstrengender, als alles alleine zu machen. So wie es in dieser ersten Zeit bei uns geknallt hat, war es zuvor noch nie. Aber auch diese Krise haben wir überstanden. Mit Reden und Einsichten. Und Torstens neuem Job. Jetzt freue ich mich, wenn er mal ein oder zwei Tage die Woche Home Office macht. Und vor allem auch, wenn er von der Arbeit kommt und ich mal Pause oder ganz Feierabend habe.

Ich genieße die Elternzeit und bin auch sehr gut angekommen im Mamasein. Eben nach der anfänglichen Eingewöhnungszeit. Und trotzdem freue ich mich, dass unsere Tochter schon ab Oktober in die Betreuung gehen darf. Eigentlich sollte die Elternzeit ein Jahr dauern, aber aufgrund ihrer guten Bindung zu uns sowie ihres Alters haben Jugendamt und Vormündin zugestimmt, dass wir den Platz, den wir angeboten bekommen haben, annehmen können. Es wird ihr gut tun, sie spielt unheimlich gerne mit anderen Kindern. Aber mir wird es auch gut tun, meine Kreativität nicht nur für die Wahl des Mittagessens einzusetzen. 

Mit Pflegekind wirst du Mutter von jetzt auf gleich

Ich wurde seit ihrem Einzug oft gefragt, wie es denn jetzt für mich sei, Mutter zu sein. Meistens antworte ich darauf „total schön und total anstrengend“. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass ich nur „anstrengend“ antworte. Das kommt eben auf den Tag an bzw. darauf, wie dieser verlaufen ist. Und anfangs musste ich mir des öfteren darauf den Satz „Aber DAS wolltest Du doch!“ anhören. Darf ich nicht sagen, dass ich es manchmal ziemlich anstrengend finde, nur, weil ich einen so starken Kinderwunsch hatte?

Genauso habe ich viele Momente, in denen ich es einfach nur schön finde und unheimlich dankbar dafür bin, dass dieser kleine süße Mensch zu uns gekommen ist. Hätte ich nicht so viel für die Erfüllung dieses Wunsches tun müssen bzw. wäre ich da nicht so flexibel gewesen, würde das vielleicht niemand so sagen. Vielleicht ist es aber auch das offene Umgehen damit. Ich habe mir nie vorgestellt, dass Kinder nicht anstrengend sind. Aber so ganz kann man es sich dann doch nicht vorstellen, bevor man selbst eines hat. 

Jede Anstrengung wert!

Zu meinen früheren Plänen, ohne Partner ein Kind zu bekommen, stehe ich weiterhin. Auch wenn ich mir annähernd vorstellen kann, wie anstrengend es sein muss, allein bzw. getrennt erziehend zu sein, wäre es das Wert gewesen. Nicht Mutter zu werden war keine Option. Auch wenn ich mir manchmal, wie bei meinen bisherigen Fulltime-Jobs, auch in diesem Job 30 Tage Jahresurlaub wünschen würde. Oder einfach mal ein Wochenende für mich alleine. So wie Torsten es durch meinen Berlin-Trip gerade haben kann. Nächste Woche bleibt unsere Tochter aber zum ersten Mal tagsüber bei den Großeltern – das ist schonmal ein Anfang. 

Die Honeymoon-Phase vom Anfang war übrigens schnell vorbei. Wir sind recht bald in der Phase gelandet, in welcher sie angeblich austestet, ob wir sie wirklich so nehmen, wie sie ist. Mit den üblichen Heul- und Trotzanfällen, die ein Kind diesem Alter nun mal hat. Und sie ist ein ganz normales Kleinkind, von ihrem eher schlechten Start ins Leben ist ihr bisher nichts anzumerken. Auch die U-Untersuchung verlief ohne Auffälligkeiten. Sie wurde glücklicherweise früh genug von den leiblichen Eltern weggenommen.

Die Herkunftsfamilie

Diese sehen wir übrigens aktuell nur alle drei Monate. Wir finden die beiden nett und schaffen es in diesen Momenten auch auszublenden, was wir über die Geschehnisse der Kindeswohlgefährdung wissen. Trotzdem ging es uns nach dem ersten Besuchskontakt nicht gut, es blieb so ein komisches Gefühl im Bauch. Auch wenn wir wissen, dass unsere Tochter bis sie erwachsen ist bei uns bleiben wird, kam so etwas wie Verlustangst und Eifersucht auf.

Unser Familienleben unterscheidet sich nicht wirklich von dem von Familien mit leiblichen Kindern. Aber bei einem solchen Treffen wird uns dann wieder bewusst, dass es da noch ein anderes Elternpaar gibt, das sie auch liebt. Solange alle Beteiligten respektvoll miteinander umgehen und vor allem das Wohl des Kindes im Sinn haben, kann es für unsere Tochter doch eigentlich sehr schön sein, zwei Mamas und zwei Papas zu haben. Und bei uns gibt es dazu noch vier Omas, zwei Opas, zwei Tanten und zwei Onkels, die sie genauso lieb haben, als wäre sie unser leibliches Kind.

Und übrigens: Ein Pflegekind kann man auch als Single-Frau oder -Mann aufnehmen …

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