Unvorbereitet in eine Co-Elternschaft gehen

Unvorbereitet in eine Co-Elternschaft, planningmathilda

Dieser Erfahrungsbericht ist etwas Besonderes, denn hier erzählt ein Mann, ein Co-Vater, über seinen Weg zum Wunschkind. Mit der Mutter habe ich nicht gesprochen, es gibt hier also die rein männliche Perspektive. Manuel ist mittlerweile fast 50, sein Sohn schon 10 Jahre alt. Ein Pionier der Co-Elternschaft quasi. Er ist noch sehr viel mehr als ich unvorbereitet eine Co-Elternschaft hineingestolpert, die beiden Elternteile haben sich sehr wenig Gedanken über Details, Alltag, Finanzen und Betreuung gemacht. Er hat also einige Erfahrung auch mit den nicht ganz einfachen Seiten einer Co-Elternschaft und wird uns über die Probleme am Anfang berichten und wie die beiden es hinbekommen haben, mittlerweile eine tolle Freundschaft und Elternschaft zu leben.

Manuels Weg zum Wunschkind

Manuel, wolltest du schon immer Kinder? Wann war dir klar, dass du unbedingt Vater werden möchtest?

Ich wollte schon immer Kinder, schon als Kind eigentlich. Da ich schwul bin, war die Umsetzung aber nicht so einfach. Das klassische Familienmodell war mir verwehrt und damals gab es das Konzept der Co-Elternschaft so noch gar nicht. Jedenfalls nicht offiziell und in den Medien bekannt. Ich hatte also wie ganz viele Menschen auch den Pakt mit meiner besten Freundin: „Wenn wir bis 40 noch beide Single sind, dann bekommen wir ein Baby zusammen.“ Leider hat sie, als sie soweit war, einen Rückzieher gemacht.

Ja, der Deal hat bei mir auch nicht geklappt. Wie bist du denn dann an die Co-Mama gekommen?

Durch Zufall! Ich habe einer Kollegin davon erzählt und im Spaß sagte sie, dann machen wir das eben zusammen. Das haben wir beide nicht wirklich ernst genommen, aber ein Jahr später haben wir uns wiedergesehen und es dann einfach gemacht.

Und damals gab es keine Infos dazu im Netz.

Genau, wir sind da ziemlich blauäugig rangegangen. Wir dachten, wir versuchen es mal und wenn es klappt mit einer Schwangerschaft, dann sehen wir weiter, wie es so wird.

Ihr habt also fast gar nichts im Vorhinein besprochen? Wohnsituation, Kita, Stillen, Finanzen? Meine Checkliste war ewig lang und wir haben wochenlang verhandelt.

So war es bei uns gar nicht. Wir haben noch nicht mal in der gleichen Stadt gewohnt. Da sie sofort schwanger geworden ist, mussten wir dann quasi improvisieren. Und leicht war das nicht. Wir kannten uns kaum, hatten wenig Vertrauen zueinander. Im Nachhinein sehr unüberlegt. Das führte dann auch ziemlich schnell zu Komplikationen. Die Mutter meines Kindes zog in meine Stadt, fühlte sich aber erstmal unwohl. Die Schwangerschaft war für sie nicht einfach, sie wollte dann lieber zu ihrer eigenen Mutter zurück. Das wäre eine Distanz von mehreren hundert Kilometern gewesen. Ich wollte aber ein aktiver Vater sein. So standen wir relativ schnell beim Jugendamt. Ich hatte die Vaterschaft anerkannt, aber kein Sorgerecht bekommen. Ich musste wirklich um meinen Sohn kämpfen. Erst nach ungefähr zwei Jahren bekam ich das halbe Sorgerecht. Das Jugendamt hat mich dabei ziemlich gut unterstützt.

Das klingt sehr stressig für euch beide, die Mutter war sicher auch nicht glücklich mit der Situation.

Nein, gar nicht. Im Endeffekt haben wir den Fehler gemacht, nicht erstmal Vertrauen zueinander aufzubauen, uns wirklich gut kennenzulernen und wie du schon sagst, alle Eventualitäten abzusprechen. So sind wir direkt in der Situation gelandet, die eine Co-Elternschaft eigentlich vermeiden will, im Zerstrittenes-Paar-Modus. Total überflüssig, aber wir wussten es damals wirklich nicht besser, es gab keine Erfahrungsberichte oder Websites dazu. Es hat uns zwei Jahre gekostet, dass wir so unvorbereitet in die Co-Elternschaft geschlittert sind.

Was war denn der schlimmste Punkt, an dem ihr gelandet seid?

Durch das fehlenden Vertrauen hatten wir irgendwann beide Vorbehalte der/dem anderen gegenüber. Ich sage mal überspitzt, ich dachte, ich sei für sie nur der Samenspender, sie dachte, sie sei für mich nur die Leihmutter. Da ich zufällig kurz nach der Geburt meines Sohnes meinen Partner kennenlernte, entstand auch noch ein zusätzliches Ungleichgewicht. Wir als Paar gegen sie alleine, dabei wollte das eigentlich keiner von uns dreien. Mittlerweile ist das auch kein Problem mehr, wir sind eben ein Mutter-Vater-Partner-Kind-Gespann.

Trotzdem habt ihr es geschafft, euch zusammenzuraufen und seid heute beste Freunde, die Co-Elternschaft läuft richtig gut.

Ja, das war ein langer Weg und nur möglich, weil wir uns irgendwann alle darauf besonnen haben, was das Beste für das Kind ist. Und was wir ihm eigentlich bieten wollten, eine Familie, die dem klassischen Model so nah kommt, wie es uns irgend möglich ist. Wenn die Basis erstmal nicht stimmt, dann hilft nur reden, reden, reden. Und Hilfe suchen, wenn es gar nicht anders geht. Heute gibt es zum Beispiel außer dem Jugendamt noch Regenbogenfamilien Zentren, die auch explizit zur Familiengründung beraten.

Ich habe das Jugendamt eingeschaltet, weil ich mir nicht mehr zu helfen wusste und dachte, ich verliere mein Kind, wenn sie wegzieht. Das wäre für mich das Schlimmste überhaupt gewesen. Ich wurde auch gut unterstützt, da hatte ich Glück mit der Betreuerin. Damals wurde eher davon ausgegangen, dass der Vater zahlt, aber nicht mehr Kontakt möchte als das obligatorische Wochenende alle zwei Wochen. Ich wollte aber mehr, ich wollte ein aktiver Vater sein. Heutzutage ist das etwas anders, Väter haben generell mehr Rechte, das geteilte Sorgerecht ist normal und nicht mehr exotisch.

Was würdest du deinem Ich von vor 10 Jahren raten?

Auf keinen Fall so unvorbereitet an eine Co-Elternschaft heranzugehen. Viel besser kennenlernen, mehr Absprachen treffen, alle Eventualitäten durchsprechen. Ich würde sogar ein Dokument beim Anwalt oder Notar unterschreiben lassen, in dem alle Punkte festgehalten sind.

Das rate ich auch allen, am besten alles schriftlich festhalten, damit beide im Streitfall schwarz auf weiß sehen, wo sie eigentlich mal herkamen.

Das hätte uns sicher auch geholfen. Auch weil beim Aufsetzen ja reflektiert werden muss, was beide eigentlich wollen. Und es ist gut, im Vorhinein alles zu besprechen, was einem einfällt, vom Impfen bis zur Schule.

Manuel, vielen dank für deine Geschichte und alles Gute für deine Familie.

Danke, dass ich erzählen durfte. Eins wollte ich noch sagen, mittlerweile läuft es so gut, dass wir seit ein paar Jahren versucht haben, ein zweites Kind zusammen zu bekommen. Leider hat das nicht funktioniert.

Vorbereitung ist alles

Ich sage es immer wieder, bereite dich gut vor auf eine Co-Elternschaft. Wenn ihr überstürzt handelt oder eben so unvorbereitet in die Co-Elternschaft geht, dann kann das sehr schnell schiefgehen. Wenn du einen Co-Elternteil suchst, dann lass dir Zeit.

Sicher ist zu bedenken, auch Menschen ändern sich. Ein Vater, der vielleicht im Vorhinein dachte, alle zwei Wochen ein Nachmittag reicht ihm mit seinem Kind, der kann seine Meinung auch noch ändern, wenn das Kind da ist. Es geht um Familie, da ist nichts in Stein gemeißelt.

Hast du eine ähnliche Erfahrung gemacht? Oder es komplett anders geregelt? Dann schreib mir doch, ich freue mich, deine Geschichte zu hören.

planningmathilda, Jennifer Sutholt

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Ein Kommentar zu „Unvorbereitet in eine Co-Elternschaft gehen

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