Samenspender und Co-Vater. Interview mit Mihai B.

Samenspender und Co-Vater, planningmathilda

Isas Erlebnis mit einem Massenspender, der sich als zukünftiger Co-Vater präsentiert hat, war für sie ziemlich prägend und ich frage mich auch, ob so etwas häufiger vorkommt. Ich habe also Kontakt zu einem Spender aufgenommen, der sowohl eine reine Samenspende anbietet als auch eine Co-Elternschaft. Wobei ich in seinem Fall lieber Co-Parenting sagen möchte, denn sein Verständnis des Familienkonzeptes Co-Elternschaft ist ziemlich anders als meins. Samenspender und Co-Vater, das passt für mich nicht wirklich zusammen.

Ich bin nach den Erfahrungen, die ich von anderen Frauen höre, der Meinung, dass eine private Samenspende sehr gut bedacht sein sollte. Die rechtlichen Konsequenzen können schwerwiegend sein und es lässt sich kaum ausdenken, welche Probleme sich einstellen können. Ich staune immer wieder. Daher rate ich persönlich von einer privaten Samenspende ab, wenn es sich um einen Mann aus dem Internet handelt. Bei einem langjährigen Freund ist es etwas anders, aber bitte sei vorsichtig, wenn du den Spender im Internet kennengelernt hast. Marina, die in ihrem Film Menschenskind! offen damit umgeht, hat erst im Nachhinein erfahren, dass ihre Tochter um die 60 Geschwister hat, sie also einen Massenspender ausgesucht hat – ohne es zu wissen. Gesagt hat er ihr das im Vorhinein nicht. Auch die Aussage, es gebe nur ein paar Kinder, kann eine Lüge sein. Also bitte vorsichtig.

Ich lasse dieses Interview online, damit du die Gedanken eines Spenders nachvollziehen kannst. Eine Empfehlung ist es aber nicht.

Mihai B.

Aufmerksam wurde ich auf Mihai in einem Artikel der taz: Co-Parenting und Samenspende. Das passt doch. Zu kontaktieren ist er ganz einfach, er hat eine Website, auf der er sich als Spender oder Co-Vater selber bewirbt. Ich habe lange mit ihm telefoniert und einige E-Mails ausgetauscht. Da sein Englisch besser ist, als sein Deutsch, haben wir so kommuniziert. Zitate lasse ich zum Teil im Original, damit die Worte nicht verfälscht werden. Zu greifen ist er übrigens nicht wirklich, viele meiner Fragen bleiben unbeantwortet. Das macht mich schon misstrauisch. Dich sollte es genauso misstrauisch machen, wenn Fragen nicht beantwortet werden.

Spannend waren für mich besonders drei Fragen: die Motivation hinter dem Wunsch, immer mehr Kinder zu zeugen, seine Idee von Co-Elternschaft und die Offenheit, mit der er den Frauen in Foren wie familyship.org begegnet. Denn auch da ist er unterwegs, unter Pseudonym. James nennt er sich oder Fabian. Was erstmal nicht für Offenheit spricht, allerdings sind in diesen Foren die meisten nicht unter ihrem Klarnamen unterwegs.

Anzahl seiner Kinder

Was also treibt Mihai an, warum möchte er so viele Kinder zeugen? Über eine genaue Zahl schweigt er sich übrigens aus. Am Telefon sagte er zu mir:

Was bedeutet schon viele Kinder? Für einen Mann mit einem Kind sind 10 Kinder sehr viele, hat man 10 Kinder, sind 15 auch nicht wirklich viel mehr.

Mihai B. im Interview

Die Autorin des taz Artikels hat versucht, die Zahl zu rekonstruieren, sie kommt auf ungefähr 10 Spenderkinder. Samenbanken nicht eingeschlossen. Mittlerweile wohl noch ein paar mehr in Deutschland. Die Zahl mag für ihn ein Thema sein, über das er nicht spricht, für die Frauen ist es sicher nicht unerheblich.

Eine wichtige ethische Überlegung der Frauen, die ein Kind mit einem privaten Samenspender zeugen möchten, sollte immer sein, wieviel Geschwisterkinder für sie in Ordnung sind. 5 Geschwister? 10? Hunderte? Wenn Frau sich für einen Massenspender entscheidet, dann sollte dieser Gedanke immer eine Rolle spielen. Wie würde ich mich selber fühlen, wenn ich 34, 56 oder wie in einem Fall in Großbritannien über 800 Geschwister habe?

Von den bekannten Massenspendern wie dem „schönen Holländer“, der es mit seinen privaten Spenden und illegalen Spenden an mehrere Samenbanken auf 250 Kinder und mehr gebracht hat, ist Mihai noch weit entfernt. Hundert Kinder sind auch nicht sein Ziel, sagt er. Was ist denn sein Ziel?

Auslöser des Kinderwunsches

Wenn ich meinen Artikel „Die Motivation hinter dem Kinderwunsch“ noch einmal lese, dann könnten sich meine Beweggründe von denen der Samenspender nicht mehr unterscheiden. Dies war einer der ersten Sätze auf meinem Blog:

Ich möchte ein Kind glücklich machen, ihm zur Seite stehen in jeder Lebenslage, für es da sein, hinter ihm stehen bei allem was es tut oder als Löwenmutter vor ihm, wenn es das Leben verlangt.

Jennifer, 2016

Um die Begleitung eines Kindes auf seinem Lebensweg scheint es Mihai nicht zu gehen, denn er sieht seine Kinder aus Samenspenden nicht regelmäßig, lebt nicht mit ihnen zusammen, bei manchen weiß er nicht mal, ob aus der Spende ein Kind entstanden ist. Was verspricht er sich also?

Als Auslöser für seinen Wunsch nach möglichst vielen Kindern nannte er mir am Telefon zwei traumatische Erlebnisse. Erstens den Tod seines geliebten Großvaters, der ihn mit großgezogen hat. Der Verlust eines so wichtigen Menschen, der in seinen Armen starb, war ein großer Schock, der ihm bewusst gemacht hat, dass es unmöglich ist, den Tod zu besiegen. Als Kind dachte er damals, dass er als Träger der Gene seines Großvater diese weiterleben lassen könnte. Das ist eine Abwandlung des Grundes, den viele Spender nennen. Wenn schon nichts von mir bleibt, dann wenigstens meine Gene.

Außerdem wurde die erste Schwangerschaft seiner damaligen Ehefrau von deren Familie nicht gutgeheißen und eine Abtreibung vorgeschlagen. Für Mihai ein Schlag ins Gesicht, denn obwohl er sich noch im Studium befand, verdiente er Geld, war verheiratet, alles passte. Er setzte sich durch, das Kind blieb. Und zusätzlich das Gefühl, dass sein Kind der Familie nicht gut genug war. Dieses Gefühl treibt ihn heute noch an: allen zu beweisen, dass er wunderbare Kinder zeugen kann. Die Ehe allerdings zerbrach.

Zusätzlich möchte Mihai seine Passion für die Wissenschaft an seine Kinder weitergeben und unterstützt sie gerne, wenn es um ihre Bildung geht.

Um möglichst viele Kinder zu zeugen, reicht es ja eigentlich, den Samen zu spenden. Warum also Samenspender und Co-Vater sein?

Das Spektrum der Co-Elternschaft

Für einen Mann wie Mihai, der zwar sowohl Samenspender als auch Co-Vater sein möchte, scheint zumindest der Kontakt zum Kind nicht das Hauptmotiv zu sein. Denn seine Herangehensweise an eine Co-Elternschaft ist ganz anders als meine und anders als die der meisten Frauen. Während diese sich oft einen aktiven und greifbaren Co-Vater vorstellen, der auch Verantwortung übernimmt, ist Mihai eher ein paar Mal im Jahr zum Kaffee bei den Kindern. Oder auch mehrmals im Monat, das ist von Kind zu Kind verschieden. Eine vollwertige Vaterschaft mit Verantwortung und eigenständiger Betreuung bietet er aber nicht an.

Die Spanne der Co-Elternschaft ist groß, das kann man ihm also nicht vorwerfen. Das Besondere an einer Co-Elternschaft ist ja, dass jede Variante möglich ist, solange es für beide Eltern passt. In meiner Co-Elternschaft leistet der Vater eher viel Betreuungsarbeit, das Kind ist 30-40% des Monats komplett bei ihm. Er ist leidenschaftlich gerne Vater, seine Tochter ist das Wichtigste in seinem Leben. Außerdem hat er die Vaterschaft anerkannt und ist auch gesetzlich voll verantwortlich. Bei Luisa ist der Vater eher ein Privatspender, der dem Kind zwar als Vater bekannt ist, der aber nur selten zu Besuch ist, aber keine Betreuung leistet und keine Rechte hat. Wo sich ein Co-Elternpaar auf dieser Skala verortet und wie sie ihr Model benennen, das bleibt ihnen selber überlassen. Dazu habe ich ausführlich in „Der Unterschied zwischen Solomama und Co-Mama“ geschrieben. Aus diesem Artikel stammt auch folgende Grafik.

Definition der Solomutter, Jennifer Sutholt, Katharina Horn

Mihai befindet sich mit seinen Co-Elternschaften eher in der Mitte der Grafik, irgendwo zwischen regelmäßiger Umgang und Kontakt zum Spender.

Rollenbild eines Vaters

Hinzu kommt, dass sein Bild eines Vater für meine Begriffe eher unmodern ist. In einer E-Mail schrieb er mir als Antwort auf einen meiner Instaposts, in dem es darum ging, dass meine Tochter einmal nicht wirklich zum Papa wollte:

While I did many great things with my children, this is the one thing I always avoided — separating a child from his mother. 
I think it causes unnecessary stress for the child. 
In my opinion, in a co-parenting situation, it’s always better to have the mother and child, as a pair, participate in any family life activities we choose to do together. The mother gives the child a certain security and, when backed by his trusted mother, the child is more likely to engage with me in something meaningful. If the children were to be separated from the mothers, I think we would have achieved a lot less during this co-parenting time. The presence of the mother helps create some continuity between what we do together and what we do once we part ways.

Mihai B.

Das Kind gehört zur Mutter. Ok. Nach diesem Motto handhabt er auch seine Co-Elternschaften. Die Mutter hat alle Rechte und Verantwortungen. Er kommt vorbei, wenn er soll. Dann kommt er aber auch. Nach eigenen Angaben reist er viel herum, beruflich, und von Mutter zu Mutter. Von Kind zu Kind. Das eine sieht er mehr, das andere weniger. Immer nach dem Willen der Mutter.

Samenspender und Co-Vater?

Also doch eher Samenspender und nicht Co-Vater? Wie gesagt, das ist Definitionssache. Wenn eine Frau einen Spender sucht, der greifbar ist, sich zu dem Kind bekennt und als Vater auftritt, wenn er es soll, dann ist Mihai B. sicher nicht die schlechteste Wahl. Er ist auf jeden Fall perfekt vorbereitet, hält Spermiogramm und Gesundheitszeugnisse bereit. Außerdem sichert er sich vertraglich ab, was ich jeder Frau nur empfehlen kann.

Auf jeden Fall überlässt er alle Rechte der Frau, das kann von Vorteil sein. Denn nicht jede Frau möchte das Sorgerecht teilen. Für eine Frau, die sich eine Co-Elternschaft mit geteilter Verantwortung vorgestellt hat, kommt Mihai eher nicht in Frage. Ob er das von Anfang so kommuniziert, frage ich ihn. Ja, er sei immer ehrlich. Am liebsten wäre es ihm sogar, wenn alle Mütter seiner Kinder vernetzt seien, sich gegenseitig helfen und besuchen würden. Das funktioniere aber nicht, er wisse selber nicht, warum. Außerdem steht sein Zuhause in Rumänien, bei seinen Eltern, allen seinen Kinder offen. „Einen Tisch, an dem meine Kinder und deren Mütter gemeinsam sitzen und von einander lernen können.“, das wünsche er sich.

Gefühle für die Kinder

Ob Mihai als reiner Samenspender im Leben eines seiner Kinder auftritt oder ob er als Co-Vater, eher in Onkelfunktion, präsent ist, das überlässt er den Frauen. Samenspender und Co-Vater, für ihn geht das gut zusammen. Die Intensität des Kontaktes mit den Kindern aus Samenspenden scheint ihm nicht so wichtig zu sein. Sein Sohn aus erster Ehe wuchs aber bei ihm auf. Er ist 14 und weiß um die Geschwister in der ganzen Welt. Wie er das findet? „Mal so, mal so“, sagt Mihai. Ich frage ihn noch, wie es mit seinen Gefühlen für seine Kinder aussieht. Liebt er sie alle? „ Ja“, sagt er, auch wenn er manche nur selten sieht, so seien sie doch alle seine Kinder.

Sein Beitrag zu der Co-Elternschaft

Seinen Beitrag zur Co-Elternschaft möchte er selber beschreiben und ich lasse das Statement unübersetzt, damit seine Worte so wirken können, wie er sie meint:

Parenting is a challenge. On one hand, you have to encourage hard work and discipline. On the other hand, you want to give children courage to spread their wings and fly where no one has gone before. 

You want to keep their mind sufficiently innocent so they have no fear of trying impossible thighs and help them succeed. 

My children have written six books, three jointly with me and three more independently. The three books they wrote without me are probably my biggest co-parenting achievement so far. 

When you teach, you share a bit of your soul … and mine is wild. I support my children in skipping school and going against the rules, dreaming of the day when they’ll go against my rules and succeed in ways I can’t imagine. 

My Father wanted me to be a doctor, like he was. My office was supposed to be in the front room. 

Physics was one way to disobey my father. Having children this way may be, perhaps, another. My research includes an original contribution to the 2017 Nobel Prize. I would have never gotten this from the front room. 

Mihai B.

Käme für dich ein solcher Co-Vater in Frage? Oder hast du Erfahrungen mit solch einem Spender gemacht? Dann freue ich mich, wenn du mir einen Kommentar hinterlässt.

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