Familienverhältnisse im 21. Jahrhundert

Komplexe Familienverhältnisse, planningmathilda

Kooperation/Werbung wegen Rezensionsexemplar, enthält Affiliate-Links*

Heteronormative Kleinfamilie. Der Traum aller Frauen in den 50ern. Hoffentlich, denn entscheiden konnten sich die Damen damals eher weniger. Die Frau blieb zu Hause und hielt dem Mann den Rücken frei. Punkt. Ging auch gar nicht anders, denn arbeiten durfte sie nur, wenn der Ehemann es erlaubte und ein Mann, der das erlaubte, verdiente der am Ende vielleicht selber nicht genug und was sollten da die Nachbarn denken? Ein Teufelskreis. Von dem wir heute gefühlt weit entfernt sind. Sind wir? Sind wir! Oder? Wie sind denn die Familienverhältnisse im Jahre 2021?

Komplexe Familienverhältnisse

Dazu habe ich das Buch „Komplexe Familienverhältnisse – Wie sich das Konzept Familie im 21. Jahrhundert wandelt“, herausgegeben von Anna Buschmeyer und Claudia Zerle-Elsäßer, gelesen. Das habe ich freundlicherweise als Rezensionsexemplar bekommen. Warum gerade dieses Buch? Erstens, weil die wunderbare Alicia Schlender ein Kapitel darin geschrieben hat. Über Co-Elternschaft. Genauer gesagt über die Verteilung der Sorgearbeit in Co-Elternschaften. Das Kapitel ist ein Auszug aus ihrer Masterarbeit. Interviewt hat sie dazu 6 Co-Familien, unter anderem mich. Ich heiße Sina in dem Buch und bin das Beispiel schlechthin, dass in Co-Elternschaften die Sorgearbeit genauso verteilt ist wie in der klassischen Kleinfamilie. Mist. Ist aber so. Zweitens, weil es darin auch um Solomamas geht. Genauer gesagt eine tolle Definition der Solomutter, an der wir uns auch schon versucht haben. Außerdem werden noch andere Familienverhältnisse diskutiert.

Hier ist es, falls es dich auch interessiert:

Gesprochen habe ich dazu mit Alicia selber, eine weitere Expertin für Co-Elternschaft kann ich mir natürlich nicht durch die Lappen gehen lassen. Du findest sie nicht nur auf ihrer Website alicia-schlender.de, sondern auch auf Instagram und Facebook.

Interview mit Alicia

Liebe Alicia, danke, dass du dir die Zeit genommen hast. ich fange direkt an, dich auszufragen.

Du hast dir die Co-Elternschaft als Thema herausgesucht. Wie bist du darauf gekommen?

Ich beschäftige mich schon lange mit der Schnittstelle von insbesondere Mutterschaft und Feminismus. Dabei interessiert mich, inwiefern durch Mutterschaft Ungleichheit hergestellt wird – z.B. in Bezug auf Arbeitsteilung. In meiner Beschäftigung damit fiel mir immer wieder auf, dass Frauen, die in hetero-Beziehungen Eltern werden, sehr oft in traditionelle Mutterrollen ‚rutschen‘, auch wenn sie ihre Beziehung vor ihrer Elternschaft als gleichberechtigt beschreiben. Für mich kam da die Frage auf, wie in Elternkonstellationen, die explizit ohne diesen romantischen Überbau auskommen, Sorgearbeit eigentlich verteilt ist. Sind da die gleichen Mechanismen am Werk, die dazu führen, dass Frauen zu Hauptsorgerinnen werden und Männer zu Hauptverdienern? So bin ich auf Co-Elternschaften gestoßen, die sich ja meistens ganz gezielt ohne romantische Liebe gründen.

Deine Ausgangsfrage war ja, wie sehr Co-Elternschaft einer normalen Kleinfamilie ähnelt, also Mutter leistet mehr Sorgearbeit etc. Hat dich das überrascht? Hattest du dir vorgestellt, dass es anders ist?

Tatsächlich: ja. Ich war zunächst erst einmal überrascht, dass die Form einer Familie (denn Co-Eltern sind ja oft nicht einfach nur heterosexuelle Zweierkonstellationen, sondern oft auch queere Mehrelternschaften) gar nicht so sehr an der Wirksamkeit von Geschlecht rüttelt. Anders gesagt: Geschlecht beeinflusst die Frage, wer innerhalb einer Elternschaft welche Aufgaben wie oft übernimmt, egal in welcher Beziehung die Eltern zueinander stehen. Sicher gibt es Konstellationen – wie die beschriebene klassische Hetero-Kleinfamilie – die traditionelle Arbeitsaufteilungen begünstigt.

Da spielen dann ja oft z.b. auch steuerliche Begünstigungen eine Rolle, wenn bei verheirateten Paaren darüber verhandelt wird, wer erwerbstätig ist und wer sich primär um das Kind kümmert. Auch glaube ich, dass in solchen Konstellationen bestimmte Skripte eine große Rolle spielen, die Frauen eher Mütterlichkeit und Fürsorge zuschreiben und Männern eher die finanzielle Versorgung. Und genau diese Skripte sind auch in Co-Elternschaften präsent. Die finden ja nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern in einer durch und durch vergeschlechtlichten Gesellschaft. Deshalb haben mich meine Ergebnisse -und mittlerweile auch die von weiteren Wissenschaftler*innen zu ähnlichen Themen – dann auf den zweiten Blick doch gar nicht mehr so sehr überrascht. 

Simulierte Kleinfamilie

Du warst auch bei mir zu Hause. Wir leben ja genau dieses Modell: Frau in Teilzeit. Warum? Weil ich eigentlich Solomama mit Samenspende werden wollte, ich war darauf vorbereitet, ganz alleine Mutter zu werden. Als ich die Co-Elternschaft kennenlernte, war der aktive Papa ein tolles Add-on. Was meinst du, warum andere Frauen sich auch in einer Co-Elternschaft für den „klassischen“ Weg entscheiden? Ich höre ganz oft, dass sie das Gefühl haben, dass sie dem Mann das „Papa Light Dasein“ anbieten müssen, damit er überhaupt mitmacht. Viele Männer sind vielleicht auf eine gleichberechtigte Elternschaft mental gar nicht vorbereitet. Siehst du das ähnlich?

Es gibt ja ganz verschiedene Formen von Co-Elternschaft und daraus ergeben sich für mich auf deine Frage unterschiedliche Antworten. Zum Beispiel kann Solomama zu werden meiner Meinung nach ein sehr selbstbestimmter Weg in die Elternschaft für Frauen sein. In einer Gesellschaft, die monogame heterosexuelle Zweierbeziehungen als Rahmungen von Reproduktion vorgibt, kann es ein emanzipatorischer Akt sein, sich davon frei zu machen und den Wunsch nach einem Kind ganz unabhängig davon umzusetzen.

Für mich als Geschlechterforscherin ist in der Hinsicht dann spannend zu fragen, warum die alleinige Verantwortung für ein Kind -egal ob als selbstgewählte Solomama oder aufgrund von zb. (ungewollter) Trennung- meistens Frauensache ist. Warum gibt es auf der größten deutschen Co-Eltern-Plattform viel mehr Frauen, die eine aktive Rolle im Leben ihrer Kinder spielen möchten, als Männer, die eine solche aktive Rolle übernehmen möchten? Männer registrieren sich eher mit dem Wunsch, eine Vaterrolle mit Onkelfunktion einzunehmen. Hier findet sich also ein sehr typisches Geschlechterbild wieder: Mütter sind allgegenwärtig als Fürsorgende, Väter nehmen eher ein Randrolle ein.

Gleichberechtigte Väter?

Du fragst ja auch, ob ich dir zustimme, dass viele Männer gar nicht den Wunsch einer gleichberechtigten Elternschaft hegen. Auf viele trifft durchaus der Wunsch zu, gleichberechtigt Vater zu sein, ein Wunsch, der dann in der Praxis oft scheitert. Nicht zuletzt auch, weil das ökonomische System befördert, dass eher Männer erwerbstätig bleiben, weil sie in der Kleinfamilie die Besserverdienenden sind. Auf viele Männer trifft aber sicher auch zu, dass sie den Wunsch nach gleichberechtigter Elternschaft gar nicht haben.

Dafür fallen mir mehrere Gründe ein. Zum einen ist das dauerhafte und präsente Sorgen für ein Kind schwer zu koppeln an die Männlichkeitsbilder mit denen wir aufwachsen. Außerdem bedeutet das Umsetzen einer gleichberechtigten Elternschaft in einer patriarchalen Gesellschaft, in der weiblich markierte Tätigkeiten wie putzen, kochen, Windeln wechseln abgewertet werden, für Männer, sich aus der Komfortzone, die die Gesellschaft für sie bereithält, lösen zu müssen – und das ist unbequem. Warum fünf Mal in der Nacht mit Säugling aufstehen, wenn sowieso allgemein akzeptiert ist, dass dafür die Mutter zuständig ist?

Zudem ist auch in der Berufswelt eine Mutter, die lange in Elternzeit geht (mit allen entstehenden Nachteilen) akzeptierter, als ein Vater, der mehr als ein paar Wochen aus der Erwerbstätigkeit aussetzt – und dann auch noch übermüdet zur Arbeit erscheint. Auch hier sind Männlichkeitsbilder sehr präsent, die an Lohnarbeit und explizit nicht an Sorgearbeit gekoppelt sind. 

Komplexere Familienverhältnisse in Co-Elternschaften?

Du hast für deine Forschung mehrere Co-Familien getroffen. Welche Gemeinsamkeiten hast du gesehen? Wie ist dein Fazit?

Die vordergründigste Gemeinsamkeit ist ganz klar die Bereitschaft, langfristig und verbindlich Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Außerdem auch die Bereitschaft unter den Eltern, sich miteinander auseinanderzusetzen. Denn genau wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung gibt es auch in Co-Elternschaften jede Menge Konfliktpotential.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass alle Co-Eltern mit denen ich gesprochen habe, in unterschiedlichen Haushalten gelebt haben. Ich glaube, das ist nochmal ein ganz wichtiger Punkt in Bezug auf die Verteilung von Verantwortung: die meisten Kleinfamilien leben in einem gemeinsamen Haushalt, dabei können sich Prozesse der Arbeitsteilung gern auch mal verselbstständigen und im Haushalt ist es dann doch meist die Frau, die nochmal schnell die Waschmaschine anstellt. Das kann bei getrennten Haushalten so erstmal nicht passieren: alle müssen sich erstmal um den eigenen Dreck selbst kümmern und alle Prozesse rund um die Arbeitsteilung der Sorgearbeit müssen viel mehr besprochen und geplant und ausgehandelt werden, als es oft in einem gemeinsamen Alltag der Fall ist.

Du hast ja nach meinem Fazit gefragt – mein Fazit ist, dass ich den Begriff der Co-Elternschaft deshalb so vielversprechend finde, weil er sehr viele verschiedene Wege in Elternschaften abbilden kann. Das kann eine Frau mit Kinderwunsch sein, die sich einen Vater sucht, der nur hin und wieder Verantwortung übernimmt, das können aber genauso gut auch vier Freund*innen sein, die sich langfristig gemeinsam um ein Kind kümmern möchten. Co-Elternschaft hört weder bei der Zahl möglicher Elternteile auf, noch bei der Frage, welchem Geschlecht diese sich zuordnen oder welcher sexuellen Identität. Ich glaube, dass Co-Elternschaften deshalb auch in Bezug auf queere Elternschaften das Potential haben, mehr Sichtbarkeit zu schaffen.

Expertinnen Tipps

Was würdest du einer Frau raten, die eine Co-Elternschaft eingehen möchte?

Ich glaube, dass es in einer geplanten Co-Elternschaft hilfreich sein kann, sich Zeit zu nehmen. Zeit zum Kennenlernen oder Vertiefen der Beziehung zum anderen Elternteil bzw. den anderen Elternteilen. Zeit, die geplanten Familienverhältnisse im Vorhinein festzulegen. Darüber zu sprechen, welche Wünsche man an seine eigene Beziehung zum Kind hat, welche Werte einem*einer wichtig sind im Umgang mit einem Kind und in Bezug auf die Verantwortungen, die mit einer Elternschaft einhergehen.

Gleichzeitig glaube ich, dass sich ganz viel davon auch erst in der Praxis zeigt – Elternschaft lässt sich nicht, vielleicht sogar noch weniger als irgendein anderer Bereich des Lebens, wirklich durchplanen. Deshalb glaube ich, dass eine Offenheit für die Wünsche aller Beteiligten wichtig ist und vielleicht auch die Offenheit, sich immer wieder auch externe Perspektiven einzuholen (z.B. in Form von Berater*innen oder auch gemeinsamen Freund*innen, die bei einem Konfliktgespräch dabei sein können).

Das liebe Geld

Ganz pragmatisch denke ich, es ist bei einer geplanten Co-Elternschaft insbesondere für Frauen sehr ratsam, über Geld zu sprechen: wer ist durch die Elternschaft weniger erwerbstätig und was passiert mit den Geldeinbußen, die dadurch entstehen? Was bedeutet es in Bezug auf die Altersabsicherung, wenn eine Person in ihrer Erwerbstätigkeit aussetzt oder diese langfristig reduziert? Ich glaube, das sind Aushandlungen, die oft zu kurz kommen und die oft auch schwierig sein können.

Deshalb finde ich es umso wichtiger, sich klar zu machen, dass Mutterschaft für die allermeisten Frauen immernoch ein sicherer Weg in die Altersarmut ist und solange der Staat das weiterhin eher befeuert als abschwächt, finde ich es besonders wichtig, zumindest individuell zu schauen, was es für Möglichkeiten gibt, sich auch langfristig (gegenseitig) abzusichern, ganz ohne Ehe und Ehegattensplitting. Und zu guter Letzt würde ich empfehlen: mit anderen Menschen sprechen, die ähnliche Erfahrungen machen oder gemacht haben. Vorbilder können eine wichtige Orientierung sein, besonders wenn man Wege beschreitet, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm liegen.

Das Buch

Wenn du dich also für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Konzept der Co-Elternschaft interessierst, ist das Buch „Komplexe Familienverhältnisse – Wie sich das Konzept Familie im 21. Jahrhundert wandelt“* genau das richtige für dich. Denn nicht nur Alicia berichtet über Co-Elternschaft, auch von Laura Marie Vogelsang gibt es ein Kapitel, indem sie sich mit dem aktuellen Forschungsstand zu Co-Elternschaft auseinandersetzt.

Gegliedert ist es in drei Teile:

  • Wie und warum Familienverhältnisse komplexer werden
  • Wege in komplexe Familienverhältnisse
  • (Care-)Praxen und Doing Family in komplexen Familienverhältnissen

Im zweiten Teil des Buches setzt sich Ilke Glockentröger mit der Thema Solomutter und Solomama auseinander. Sehr spannend, falls du auf dem Weg als Solomama bist.

Ein Sachbuch mit wissenschaftlichen Studien ist natürlich kein spannender Roman, aber wenn du dich gerade intensiv mit der Solomutterschaft auseinandersetzt, dann kann dir dieses Buch sicher viele neue Aspekte und Impulse bieten.

Wie ist es bei dir? Welche alternativen Familienformen, welche Familienverhältnisse sind für dich denkbar? Erzähl mir davon in den Kommentaren!

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Letzte Aktualisierung am 31.05.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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