Ich habe den Kinderwunsch zu lange aufgeschoben

Kinderwunsch zu lange aufgeschoben, planningmathilda

In diesem Interview geht es um eine Freundin von mir, ich nenne sie Ariane. Wir kennen uns schon seit ein paar Jahren. Sie ist jetzt 51 und hat keine Kinder. Und das ist schlimm. Jetzt nicht mehr so sehr wie vor ein paar Jahren, aber irgendwie immer noch. Denn obwohl sie keinen brennenden Kinderwunsch hatte, wollte sie doch mit Anfang 40 Mutter werden. Geklappt hat das nicht. Sie hatte den Kinderwunsch zu lange aufgeschoben. Und musste sich von ihm verabschieden. Ich spreche mit ihr über Trauer, über das Loslassen und das Suchen anderer Ziele.

Ihre Geschichte ist kurz erzählt, der Klassiker. In den Zwanzigern ausgelebt, in den Dreißigern beschäftigt gewesen, Träume verwirklicht, Männer gejagt, erlegt, geliebt und gehen lassen. Den Richtigen gefunden, doch für ihren Richtigen war sie die Falsche. Gehen lassen wollte er sie trotzdem nicht und so hat sie gewartet, gehofft, sich dann getrennt. Und er hat sie zurückgeholt, aber immer nur bis auf Armeslänge, nicht zu nah, aber auch nicht fern. Fest verbunden, aber nicht fest zusammen. Sie träumte von einer Familie, er vom Auswandern, neuen Zielen und beruflicher Neuorientierung. Am Ende hat sie versucht, schwanger zu werden, ohne es ihm zu sagen. Und als das nicht geklappt hat, ist sie gegangen.

Jetzt hat sie sich beruflich neu orientiert und sich neue Ziele gesucht. Er ist ist nicht ausgewandert, sondern ha mit einer jungen Frau ein gemeinsames Baby.

Ja, so habe ich auch gekuckt.

Ich wollte ihm ein Kind unterschieben

Liebe Ariane, du bist jetzt 51, als wir uns kennengelernt haben warst du mit Anfang 40 gerade dabei, schwanger zu werden. Tatsächlich auch, ohne es dem Mann zu sagen. Warum?

Du hast ja schon von meiner Beziehung erzählt. Ich nenne das beim Namen, der Mann war ein krasser Narzisst und ich blind. Ich wusste es irgendwie und irgendwie auch nicht. Heute könnte ich Sachen nach meinem jüngeren Ich werfen, aber so ist das eben. Das kennen sicher viele Frauen. Hinterher bist du schlauer, in der Panik siehst du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Ich habe eben versucht, mir den Wunsch zu erfüllen, mit meinen Mitteln. Ich war abhängig von diesem Mann, ich war nicht frei und ich war mir selber nicht genug. Er hat mich hingehalten. Und ich war nicht mutig genug, so wie du einen anderen Weg zu gehen. Ich wollte es auch nicht, das gebe ich zu. Ich wollte Familie, wie ich sie mir vorgestellt habe. Mutter-Vater-Kind. Herzchen und ein Reihenhaus. Naja, das Haus nicht.

Also quasi Torschlusspanik. Denn die feine Art ist es ja nicht.

Ganz sicher nicht. Und im Nachhinein bin ich auch froh, dass es so nicht geklappt hat. Ein Kind kittet ja keine Beziehung, schon gar nicht eine so kaputte wie unsere. Ich hätte meinem Kind keine Gefallen getan. Aber in dem Moment wusste ich mir nicht anders zu helfen.

Was hättest du denn davor anders machen können, damit es gar nicht soweit kommt?

Tatsächlich nichts. Ich habe mein Leben bis 40 geliebt. Ein Kind hatte darin keinen Platz. Ich wollte ihm keinen Platz einräumen. Klar, ich habe schon daran gedacht, aber so wirklich wirklich dann doch nicht. ich habe den Kinderwunsch eigentlich nicht zu lange aufgeschoben, er kam zu spät an die Oberfläche. Ich musste aber auch immer viele Wahrheiten unterdrücken, da war der Kinderwunsch sicher mit dabei. Erst als ich mit 40 Bilanz gezogen habe, kam der Wunsch mit voller Macht über mich. Und traf mich völlig unvorbereitet. Unbewusst war der Wunsch aber sicher da, aber ich konnte ihn nicht zulassen.

Der Kinderwunsch kam aus dem Nichts

Ich konnte auch gar nicht damit umgehen. Ich war wie erstarrt und konnte nicht mehr klar denken. Totale Panik. Hätte ich die Ruhe und die Jahre gehabt, mich wirklich mit mir auseinander zu setzen und einen Plan zu schmieden, vielleicht hätte ich dann auch ein anderes Familienkonzept gewählt. Aber damals war ich nicht bereit und ich hätte es auch nicht geschafft. Du hast dich ja jahrelang mit dem Wunsch herumgeschlagen und deinen Plan B dann knallhart durchgezogen. Das habe ich sehr bewundert. Schon die Trennung von dem Mann habe ich nicht hinbekommen.

Die fiel mir zwar auch schwer, aber ich war der festen Überzeugung, dass ich das machen muss.

Genau. Und so war es bei mir nicht. Ich war einfach nur panisch. Außerdem überfielen mich auf einmal Schuldgefühle, weil ich mit Ende 20 eine Abtreibung hatte. Die damals absolut richtig war und an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht habe. Es hatte mich nie belastet, auf einmal schon.

Also alles auf einmal. Die Panik, es nicht zu schaffen und die Reue wegen der Abtreibung.

Ja, wobei die auch irgendwie künstlich war. Damals das Kind zu bekommen, das hätte einfach nicht gepasst. Und ich war eigentlich damit im Reinen. Auf einmal kamen aber die bösen Stimmen in meinem Kopf, die mir sagten: „Du hattest deine Chance und hast sie vertan.“ Nicht schön. Also wollte ich den vermeintlichen Fehler wieder gut machen.

Echter Kinderwunsch oder Wunsch nach Familie?

Und hast bis 45 versucht, schwanger zu werden.

Ja. Aber auch irgendwie nur so halbherzig. Ich weiß ja, wie viel Aufwand, mit Zyklus berechnen und so, du betrieben hast, ich habe es nach Gefühl versucht. Ich glaube, es war gar nicht so wirklich der Wunsch nach einem Kind, schon, aber eher der Wunsch nach Veränderung, Stabilität, ankommen. Familie. Und dann kommt mit über 40 eben das sehr unangenehme Gefühl hinzu, dass diese Tür, das fruchtbare Fenster, zugeht. Und die ist zu. Selbst mit medizinischer Hilfe ist irgendwann Schluss und so weit wollte ich auf keinen Fall gehen.

Diese Erkenntnis, ich habe mich nicht rechtzeitig entschieden und jetzt geht es nicht mehr, das sind wir ja kaum gewohnt. Fast alles lässt sich irgendwie umkehren, wiederholen oder nochmal machen. Das hier nicht. Zu ist zu. Ich dachte dann schon: „So, jetzt bist du eine alte Schabracke, unfruchtbar, die alte Jungfer, die keiner mehr will. Und keiner mehr braucht. Ich war nicht mutig genug, habe den Kinderwunsch zu lange aufgeschoben und jetzt bin ich alleine. Alleine, keiner besucht mich im Altersheim, ich werde alleine sterben.“ Solche Gedanken hatte ich. Älter werden ist nichts für Anfänger, das sage ich dir.

Was hast du gemacht, um da durchzukommen?

Geweint. Tagelang. Immer mal wieder. Und irgendwann wurde es besser. Einfach so, mit der Zeit. Und auch, weil ich angefangen habe, in mich zu gehen und zu schauen, was mir wirklich fehlt. Was ich ändern kann, um glücklich zu werden. Ich habe mich beruflich verändert. Bin umgezogen. Habe mich von dem toxischen Mann getrennt. Das hat mich fast alles gekostet, aber ich habe es geschafft.

Der hat ja jetzt mit seiner neuen Freundin ein Baby, wie hast du dich gefühlt, als du das erfahren hast? Das stelle ich mir grauenhaft vor.

Ist es. Im ersten Moment that es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Erfahren habe ich es erst, als das Baby schon da war. Mein erster Gedanke war: „Mit mir wollte er das nicht.“ Fast 20 Jahren waren wir zusammen. Oder auch nicht, aber ein Kind wollte er nie. Ich habe ihn getroffen, weil ich es ansprechen musste. Sonst hätte ich keine Ruhe gehabt.

Das Kind war natürlich ein Unfall, sagte er. Aber er hat schon immer gelogen, also wer weiß. Ich sehe aber von weitem, wie wenig er Vater sein möchte und wie sehr er leidet. Auswandern geht nicht mehr, er sitzt fest. Und es wird sicher hässlich enden. Das hilft mir. Ich wünsche ihm und seiner Familie nichts Schlechtes, es tut mir leid, dass er es nicht genießen kann. Aber ich sehe auch, wie es bei mir gewesen wäre. Er wäre auch mit mir unglücklich gewesen, gefangen und wäre irgendwann gegangen. Dann wäre ich auch alleine gewesen, das hätte ich mir mit Kind nicht zugetraut.

Den Kinderwunsch loslassen

Was hast du denn gemacht, um loszulassen? Denn ein unerfüllter Kinderwunsch hat ja viel mit Trauer zu tun. Konntest du das zulassen? Hat dir jemand geholfen? Eine Therapie? Eine Kinderwunschberaterin vielleicht? Die sind ja zum Teil auch darauf spezialisiert.

Auf sowas bin ich gar nicht gekommen. Ich habe mir einfach Zeit gegeben. Und dadurch, dass ich auch die Beziehung abschließen musste, ging das irgendwie so Hand in Hand. Oder vielleicht sogar ein bisschen unter. Es wurde auf jeden Fall besser über die Jahre. Ich bin entspannter geworden, habe mich auch mehr mit meinem Alter angefreundet, obwohl mir das sehr schwer fiel.

Und jetzt hat deine beste Freundin eine Tochter bekommen und du bist Mama light.

Mama light, genau. Oder aktive Tante. Auf jeden Fall sehe ich die Kleine sehr viel, unterstütze die Familie und kann ganz viel daraus ziehen. Das genieße ich sehr. Auch, dass ich die Kleine wieder abgeben kann. Ich bin mittlerweile mit mir im Reinen. Aber es hat mich Jahre gekostet, hier hinzukommen und ich wünschte mir, ich hätte mich früher damit auseinander gesetzt und mir das erspart. Wir denken immer, wir haben ja noch so viel Zeit, aber so ist es nicht immer.

Welchen Tipp hast du an andere Frauen?

Setz dich rechtzeitig mit deinem Kinderwunsch auseinander. Auch, wenn er gar nicht wirklich vorhanden ist. Denk das durch, wie dein Leben sein wird ohne Kind. Ganz besonders, wenn du einen Partner hast, der nicht will. Oder dich immer wieder vertröstet. Mach dir klar, was du willst. Denn Panik ist ein schlechter Berater.

Liebe Ariane, ich danke dir für deine Offenheit und dafür, dass du deine Geschichte so offen mit uns teilst

Was du machen kannst, wenn du den Kinderwunsch zu lange aufgeschoben hast

  • Darüber sprechen. Such dir eine enge Freundin, die dich verstehen wird.
  • Du darfst dir Hilfe holen. Eine Kinderwunschberaterin, eine*n Therapeut*in, eine*n Coach*in, egal
  • Die Trauer zulassen. Es steht dir zu, traurig zu sein!
  • Dir neue Ziele suchen
  • Dich vernetzen. Egal, ob die in eine Gesprächsrunde für Frauen mit dem gleichen Problem gehst oder in eine Facebook Gruppe, es gibt andere, denen es genauso geht. Du bist nicht allein.
  • Kinderwunsch ist kein Tabu! Zum Glück sprechen wir immer offener über solche sensiblen Themen. Zum Beispiel könntest du den Podcast „Alles da, nur Ella nicht“ hören, dort wird sehr sensibel mit dem Thema umgegangen.

Hast du noch weitere Tipps? Wie bist du damit umgegangen, dass du den Kinderwunsch zu lange aufgeschoben hast? Oder wenn es noch nicht so weit ist, was ängstigt dich am meisten an einem Leben ohne Kind? Schreib es mir in die Kommentare oder auf Social Media

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2 Kommentare zu „Ich habe den Kinderwunsch zu lange aufgeschoben

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