Annabelles Weg zum zweiten Kind: Wenn Schwangerwerden nicht klappt
Drei gescheiterte Versuche, viel Enttäuschung und die Erkenntnis, dass Schwangerwerden eben keine Onlinebestellung ist. Kinderwunschberaterin Katharina Horn erklärt, warum das niemandes Schuld ist und was jetzt hilft.
Annabelles Geschichte verfolgen wir schon länger. Von der Entscheidung, über die Auswahl des Spenders, die Insemination und den negativen Schwangerschaftstest haben wir ihren Weg begleitet. Heute kommt ein kurzes Update, was in den letzten Wochen passiert ist und wie es Annabelle damit geht. Denn für sie war es eine ziemliche Überraschung, dass das Schwangerwerden nicht direkt funktioniert hat.
3 gescheiterte Versuche
Nach dem ersten Versuch im November hatte Annabelle noch zwei weitere Versuche gestartet, über die sie aber nicht öffentlich sprechen wollte. Ihr war der Druck zu groß. Sie wollte es entspannter angehen und hatte diesmal nur sehr wenigen engen Personen davon erzählt. Die Fragen, ob es geklappt hat, auch von guten Freunden und Geschwistern und mir, hatten sie gestresst. Das kann ich gut nachvollziehen. Jetzt aber teilt sie ihre Erfahrung und Enttäuschung wieder mit uns.
Bei ihrem ersten Kind wurde sie trotz Pille aus Versehen schwanger, musste sich also gar keine Gedanken machen, wie sowas genau geht. Jetzt ist sie Anfang 30, in den besten Jahren, und dachte, dass es sicher schnell geht. Die Parameter stimmen alle, Alter noch jung genug, sie hat bereits ein Kind, regelmäßiger Zyklus, perfektes Sperma von der Samenbank, alles passt. Warum das Schwangerwerden trotzdem nicht funktioniert? Weil all diese Punkte zwar wichtig sind, aber eine Schwangerschaft eben nicht garantieren. Auch damit muss sich eine Frau auseinandersetzen. Dass es eben nicht direkt funktioniert und das auch ausgehalten werden muss.
Nicht schwanger zu werden ist kein Versagen
Die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, liegt pro Zyklus bei ungefähr 30%. Im absoluten Idealfall. Also alle gesund, Spermaqualität hervorragend, Alter jung. Jeder Parameter, der sich ändert, verringert die Chancen. 10-15% sagt die Kinderwunschklinik. Und ist damit wahrscheinlich realistischer. Aufgeben sollte aber keine*r so schnell. 12 Monate versuchen ist normal, danach sollte ein Arzt aufgesucht werden. Von Frau und Mann.
Und dann ist auch einfach noch ganz viel Glück dabei. Und natürlich nervt es total, wenn eine Frau sich endlich entschlossen hat, den Weg als Solomutter zu gehen, da hat sie ja auch viel mentale Vorarbeit geleistet, hat sich Gedanken gemacht, alles abgewogen, jetzt ist sie so weit, und es funktioniert nicht. Diese Enttäuschung ist immer groß, wenn es um viel Geld geht, dann natürlich umso mehr. Ich habe dazu kurz mit meiner Kollegin Katharina gesprochen. Sie ist Kinderwunschberaterin und kümmert sich auch um Frauen, die den Kinderwunsch gehen lassen müssen. So weit ist Annabelle natürlich noch lange nicht, aber trotzdem kann es eine große Hilfe sein, darüber zu sprechen, mit Freundinnen, der Familie oder eben auch einer professionellen Beraterin.
Das sagt die Kinderwunschberaterin
Katharina, passiert das vielen Frauen, dass sie so überrascht sind, wenn es nach den ersten (wenigen) Versuchen nicht direkt klappt?
Ja, das habe ich schon öfter erlebt. Besonders dann, wenn bereits ein erstes Kind da ist. Aber vor allem sind die Frauen sehr enttäuscht. Der ganze Ablauf – auch bei einer Heiminsemination – ist sehr anstrengend. Vor allem die Wartezeit, die Vorfreude, das Hoffen und dann die bittere Enttäuschung – manchmal nicht mal mit einem Schwangerschaftstest, sondern mit Einsetzen der Periode.
Andersherum kenne ich auch einige Frauen, die nicht so schnell mit einem erfolgreichen Versuch gerechnet haben und überrascht sind, weil es plötzlich so schnell geklappt hat.
Die Gründe sind wahrscheinlich sehr verschieden. Eine Geldfrage, vielleicht Versagensgefühle, was noch?
Die Gründe für die Enttäuschung sind vielfältig. Natürlich spielen finanzielle Aspekte eine Rolle, v.a. wenn bereits mehrere Versuche erfolgt sind. Manchmal berichten die Frauen auch von dem Gefühl versagt zu haben. Dann werden bestimmte Verhaltensweisen analysiert. „Hätte ich lieber keinen Sport gemacht?“ oder „Die Woche war so stressig, das konnte ja wohl nicht klappen.“ Ich habe mich zu sehr gefreut“ oder vielleicht auch „zu wenig“. Hier ist es wichtig, die Frau von ihrer „Schuld“ zu befreien.
Jede Reaktion ist normal
Das Eintreten einer Schwangerschaft ist ein sehr komplexes Geschehen- es gibt so viele Gründe, die eine Rolle spielen könnten, aber keinesfalls die Gedanken und Gefühle, die Freude oder Sorge, ob eine Schwangerschaft eintritt oder nicht. Heute wissen wir, dass das Nicht-Eintreten einer Schwangerschaft mit starken Verlustgefühlen/Trauer begleitet werden kann. Dementsprechend sind alle typischen Trauerreaktionen erst einmal normal. Wut, Ärger, Nichtwahrhaben wollen, Traurigkeit, Vermeidung. Wichtig ist es, dass dies kein Dauerzustand bleibt, dass die Frau handlungsfähig wird und die Kontrolle behält.
Wie kann sich eine Frau denn mental gut darauf vorbereiten, dass es erstmal nicht klappt?
Also sich darauf vorzubereiten, dass es nicht klappt, das finde ich schwierig. Ziel ist es eher zu schauen, wie das Ergebnis ausfällt und dann damit umzugehen. Es geht sehr oft um Perspektiven – als weg vom Gedanken „ein Kind oder nicht“ und hin zu „Ok, was ist der nächste Schritt“. Vielen Frauen hilft es, einen Fahrplan zu erstellen, den man auch schriftlich verfassen kann. Und ganz wichtig am Ende ist immer eine Perspektive. Am Ende darf also nicht NICHTS stehen. Das bedeutet irgendwann muss sich die Frau die Frage stellen „Wie könnte ein Leben ohne Kind bzw. in diesem Fall ohne ein zweites Kind aussehen?“ Ein Ausblick / eine Perspektive ist wichtig. So erhalten die Frauen wieder mehr Kontrolle.
Austausch mit anderen
Und natürlich – wenn es nicht oder erst mal nicht klappt hilft es, mit anderen darüber zu sprechen. Manchmal haben die Frauen viele Freunde im Umfeld, bei denen das Familiengründungsthema ebenfalls präsent ist. Diese Frauen vermeiden dann manchmal, sich mit diesen Freunden zu treffen und mit ihnen über ihre Situation zu sprechen, oder noch schlimmer – sie ziehen sich zurück. Hier ist es wichtig eine* neutral*e Ansprechpartner*in zu haben, die vielleicht auch die gesamte Versuchszeit über ansprechbar ist. Aus dem Freundes- , Familienkreis und manchmal vielleicht auch eine Kinderwunschberater*in. Auch Vernetzungsgruppen können dich unterstützen, übrinegns im ganzen Prozess.
Vernetzung für Co-Eltern und Solomütter
Co-Elternschaft und Solomutterschaft sind besondere Wege zum Wunschkind. Umso wichtiger ist es, Menschen zu kennen, die denselben Weg gehen. Vernetzung gibt dir Orientierung, Erfahrungsaustausch und das Gefühl, nicht alleine zu sein.
Treffen findenWie sieht es speziell bei den Solomüttern aus?
Ich habe manchmal das Gefühl, dass mir gerade bei den Solomüttern diese Frauen „wegrutschen“. Sie ziehen sich zurück, obwohl gerade sie die Gemeinschaft brauchen könnten. An den Vernetzungstreffen nehmen aber auch Frauen mit Kindern teil. Das ist sicher nicht immer leicht auszuhalten. Hier bin ich gerade dabei, ein spezielles Angebot für diese Frauen zu konzipieren.
Das Schwangerwerden funktioniert nicht
Du siehst also, wie Annabelle geht es vielen Frauen. Und das Schwangerwerden funktioniert eben nicht wie eine Onlinebestellung. Such dir einen Weg, wie DU damit gut umgehen kannst. Annabelle hat sich zurückgezogen und überlegt jetzt, ob eine Samenbankspende der richtige Weg für sie ist oder ob sie doch den Weg der Privatspende gehen soll. Die unterschiedlichen Wege recherchierst du hier:
Was du tun kannst:
Das Schwangerwerden funktioniert nicht
Du siehst also, wie Annabelle geht es vielen Frauen. Und das Schwangerwerden funktioniert eben nicht wie eine Onlinebestellung. Such dir einen Weg, wie DU damit gut umgehen kannst. Annabelle hat sich zurückgezogen und überlegt jetzt, ob ein zweites Kind aus einer Samenspende der richtige Weg für sie ist, oder ob sie doch den Weg der Privatspende gehen soll.
Was du tun kannst:
Es ist niemals deine Schuld, du hast nichts falsch gemacht. Also bitte mach dir keine Vorwürfe.
Rede mit Freund*innen, deiner Familie, anderen Solomüttern oder nimm eine Kinderwunschberatung in Anspruch.
Mach dir einen Fahrplan, der dir eine Perspektive gibt.
Zieh dich zurück, wenn dir das hilft, aber lass dich nicht auffressen von deinen negativen Gefühlen.
Wenn du noch nicht in Behandlung bist, frag deine*n Gynäkolog*in oder eine Kinderwunschklinik, ob medizinisch alles in Ordnung ist.
Wenn du mit einem privaten Samenspender versuchst, schwanger zu werden, check nochmal, ob ihr alles richtig gemacht habt.
Aber wie gesagt, schwanger werden kann einfach dauern. Es wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, aber eher nicht vom Stress oder weil du es nicht genug gewollt hast. Bei manchen klappt es beim ersten Versuch, bei anderen beim 8., das ist einfach sehr individuell. Es ist nicht deine Schuld, wenn es erstmal nicht funktioniert.
Beratung
Du musst nicht allein durch diese schwere Zeit gehen
Als psychologische Beraterin bearbeite ich die Trauer und Enttäuschung gemeinsam mit dir. Buch dir ein kostenloses Kennenlerngespräch.
Termin findenWenn du nur diesen Bericht gelesen hast, dann findest du die ganze Geschichte von Annabelle hier:
Die grundsätzliche Entscheidung
Zum Artikel
So verlief die Heiminsemination
Zum Artikel
Die Auswahl des Samenspenders
Zum Artikel
Ein negativer Schwangerschaftstest
Zum Artikel
Jennifer Sutholt
Jennifer Sutholt ist psychologische Beraterin mit Schwerpunkt Co-Elternschaft, private Samenspende und alternative Familienmodelle. Sie lebt seit zehn Jahren selbst in einer Co-Elternschaft und begleitet Menschen seit acht Jahren auf dem Weg zu ihrem Wunschkind.
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Wirklich toll, deine Tipps, Jennifer! Ich hoffe, es lesen viele, die gerade versuchen, schwanger zu werden. Es nützt ja auch Paaren.
Eine Bekannte, Anfang 40, ist jetzt mit dem vierten Kind schwanger. Unverhofft. Natürlich verhütet, also auf den Zyklus geachtet, der wohl immer wie ein Uhrwerk genau funktionierte. Naja, dann eben mal nicht.
Nachdem sie bei Kind Nummer eins und zwei keine Probleme hatte, schwanger zu werden, „dokterte“ sie drei Jahre an Kind Nummer drei „herum“ (ihre Worte).
Ich drücke Annabelle ganz fest die Daumen !